Fachkräftemangel
Wie Personal aus dem Ausland sicher in die Baugrube kommt

Im Kanal- und Rohrleitungsbau fehlen Fachkräfte, während der Sanierungsbedarf der Netze wächst. So können Betriebe Kanalbauer, Leitungsbauer und Tiefbaufacharbeiter aus Drittstaaten gewinnen, anerkennen lassen und sicher einarbeiten.
Schächte setzen, Rohre verlegen, Liner einbauen: Diese Arbeit lässt sich nicht automatisieren. Wer im Kanalbau Aufträge hat, aber keine Fachkräfte, schaut zunehmend über die EU hinaus. Das ist rechtlich gut geregelt, verlangt aber saubere Planung, von der Einordnung des Abschlusses bis zur Unterweisung am ersten Tag in der Grube.
Zur Berufsbezeichnung vorab: Seit der Neuordnung der Bauberufe zum 1. August 2026 heißt der Rohrleitungsbauer Leitungsbauer für Infrastrukturtechnik, und der Kanalbauer heißt Kanalbauer für Infrastrukturtechnik. Beide Berufe dauern drei Jahre. Der Tiefbaufacharbeiter ist mit zwei Jahren die kürzere Grundlage. In ausländischen Zeugnissen und im Betriebsalltag begegnen einem weiterhin die alten Namen.
Internationale Fachkräfte im Tiefbau: Praxiserfahrung richtig einordnen
1. Abschlüsse richtig zuordnen
Viele Bewerber aus Drittstaaten bringen eine Ausbildung im Bauwesen mit, eine technische Fachschule oder jahrelange Praxis auf der Baustelle. Das deutsche Berufsbild umfasst dagegen ein wesentlich breiteres Spektrum: Gräben und Schächte ausheben, Baugruben sichern und trockenlegen, Rohre verlegen und abdichten, Hausanschlüsse herstellen, Kanäle sanieren, dazu Messen, Dokumentieren und Qualitätssicherung.
Für die Zuordnung helfen drei Fragen. Welche Arbeiten hat die Person wirklich ausgeführt, etwa Rohrverlegung im Freispiegel, Schachtbau oder Sanierung? Mit welchen Maschinen und Verbausystemen hat sie gearbeitet? Und wie viel davon war selbstständig, wie viel Hilfstätigkeit? Im Gespräch zeigt sich Praxis schnell: Wer Rohre verlegt hat, kann Gefälle, Bettung und Verdichtung erklären und nennt typische Fehler von selbst. Ein Videogespräch mit Fotos eines Grabens und eine Probearbeit ergänzen das Bild. Das ersetzt keine Anerkennung, hilft aber bei der Frage, wo im Betrieb der Einstieg liegt.

Anerkennungsverfahren und Fachkräfteeinwanderungsgesetz nutzen
2. Anerkennung in der Praxis
Ob ein ausländischer Abschluss gleichwertig ist, prüft eine zuständige Stelle, je nach Beruf und Bundesland die IHK FOSA oder die Handwerkskammer. Das Portal „Anerkennung in Deutschland“ nennt die richtige Adresse. Der Antrag braucht Zeugnisse, Nachweise über Berufserfahrung, einen Lebenslauf, Angaben zu den Ausbildungsinhalten und einen Identitätsnachweis, in der Regel mit Übersetzungen. Wer Unterlagen frühzeitig und vollständig einreicht, beschleunigt das Verfahren erheblich. Bei der IHK FOSA dauert die Entscheidung etwa drei Monate nach vollständigen Unterlagen, die Gebühr liegt zwischen 100 und 600 Euro.
Oft endet das Verfahren mit einer Teilgleichwertigkeit, weil einzelne Inhalte fehlen. Das ist kein Scheitern, sondern ein Arbeitsauftrag: Die fehlenden Inhalte lassen sich in einer Anpassungsqualifizierung im laufenden Betrieb nachholen, mit Kursen, Praxis im Betrieb oder einer Prüfung. Danach folgt der Folgeantrag, spätestens fünf Jahre nach dem Erstbescheid. Wer eine Fachkraft einstellt, sollte den Plan dafür von Anfang an mit der Anerkennungsberatung abstimmen.
Für die Einreise gilt das Fachkräfteeinwanderungsgesetz. Im beschleunigten Fachkräfteverfahren nach § 81a Aufenthaltsgesetz kann der Arbeitgeber mit Vollmacht der Fachkraft bei der Ausländerbehörde ein gebündeltes Verfahren beantragen. Die Gebühr beträgt 411 Euro, die Anerkennungsstelle soll innerhalb von zwei Monaten entscheiden, die Auslandsvertretung einen Termin binnen drei Wochen anbieten. Betriebe sollten trotzdem mehrere Monate einplanen und Anerkennung und Visum parallel anstoßen statt nacheinander. Für Bewerber aus den Westbalkanstaaten gilt eine eigene Regel, die ohne Anerkennung auskommt, aber ein begrenztes Jahreskontingent hat. Die grundlegenden Pflichten des Arbeitgebers umfassen: ein konkretes Arbeitsplatzangebot, eine Vollmacht, vollständige Unterlagen und einen festen Ansprechpartner im Haus.

Arbeitssicherheit im Kanalbau: Sichere Einarbeitung in der Baugrube
3. Sicher ankommen auf der Baustelle
Arbeiten in Baugruben und Gräben gehören zu den gefährlichsten Tätigkeiten im Tiefbau. Die Unterweisung vor Aufnahme der Arbeit ist Pflicht und muss verstanden werden, auch wenn die Deutschkenntnisse noch gering sind. Dafür taugen Bilder, Vormachen und Nachmachen, Betriebsanweisungen mit Fotos aus dem eigenen Betrieb und Unterweisungshilfen der Berufsgenossenschaften.
Inhaltlich gelten die Regeln der DIN 4124 und der DGUV Information 201-052 zum Rohrleitungsbau. Bis 1,25 Meter Tiefe dürfen senkrechte Wände unter Bedingungen ohne Sicherung bleiben, darüber muss geböscht oder verbaut werden. Der Verbau wird vor jeder Schicht und nach Regen, Frost oder Erschütterungen kontrolliert und darf nur auf Anordnung des Aufsichtführenden verändert werden. Für neue Kollegen heißt das: Sie lernen am ersten Tag nicht nur, wo der Verbau ist, sondern auch, warum man nie ungesichert unter einer Böschungskante arbeitet und wer den Graben freigibt.
Fachbegriffe von Anfang an: Bauteile, Geräte und Sicherheitszeichen auf Deutsch, mit Foto und Übersetzung, am besten als kleines Glossar für die Hosentasche. Ein Pate im Team, der Zeit für die Einarbeitung bekommt, und ein klarer Plan für die ersten Wochen wirken mehr als jedes Begrüßungspaket: erste Tage Sicherheit und Baustellenabläufe, dann Mitarbeit unter Anleitung, später stufenweise Verantwortung, etwa beim Rohrverlegen oder Herstellen eines Schachts, jeweils mit Freigabe durch den Paten. Sprachkurse sollten zu den Arbeitszeiten passen, und Wohnraum ist in vielen Regionen der eigentliche Engpass.
Checkliste für Kanalbaubetriebe:
- Bedarf klären: Welche Arbeiten, welche Qualifikation, wie viele Personen?
- Unterlagen früh prüfen und Zuständigkeit der Anerkennungsstelle klären
- Anerkennung und Visum parallel anstoßen, Vollmacht und Ansprechpartner festlegen
- Unterweisungen in verständlicher Sprache vorbereiten und dokumentieren
- Paten benennen und Zeit für die Einarbeitung einplanen
- Sprachförderung zu den Schichten passend organisieren
- Wohnraum klären
- Perspektive aufzeigen: Anerkennung, Weiterbildung, Aufstieg
Der Autor des Fachbeitrags ist Tim Miller, Gründer von Talent Sure und Geschäftsführer der Certif-ID International GmbH.

Lesen Sie mehr zum Thema Fachkräftemangel:
Quelle: Tim Miller
Weiterlesen:
Neueste Beiträge:
Meistgelesene Artikel
Jetzt Ausschreibungen finden
Wählen Sie eine Leistungsart, die Sie interessiert.


Bau


Dienstleistung


Lieferung
Verwandte Bau-Themen:
Top Bau-Themen:
Aktuelle Termine für unterirdische Infrastruktur
Jetzt zum Newsletter anmelden:
Leitungsbau, Kanalsanierung, Abwasser – erfahren Sie das wichtigste rund ums Thema unterirdische Infrastruktur.
Hier finden Sie Hinweise zum Datenschutz







