Krise im Wohnungbau
Verbände fordern den „Bau-Turbo II“

Die Zahlen für Wohnungsbau in Deutschland für das Jahr 2025 erreichen einen neuen Tiefpunkt: Mit nur 206.600 fertiggestellten Einheiten stürzt der deutsche Wohnungsneubau um 18 Prozent auf den niedrigsten Stand seit 13 Jahren. Angesichts eines drohenden weiteren Absturzes nehmen zwei Bündnisse die Bundesregierung in die Pflicht.
Wie der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB) und der Zentrale Immobilienausschuss (ZIA) am Freitag mitteilten, verfehlt Deutschland den jährlichen Bedarf von 400.000 Wohnungen erneut um fast die Hälfte. Für das laufende Jahr erwarten Branchen-Experten sogar ein Absinken auf unter 200.000 Einheiten.
Zwar stiegen die Baugenehmigungen zuletzt um 11,5 Prozent, doch HDB-Präsident Olaf Demuth warnt: „Eine Genehmigung führt im aktuellen Umfeld nicht automatisch zum Bau. Der Auftragsmangel bei den Unternehmen nimmt dramatisch zu.“
Die Ursachen: Überregulierung und Förder-Durcheinander
Das Verbändebündnis Wohnungsbau (IG BAU, ZDB, GdW, BFW, DGfM und Koordinator BDB) sieht die Hauptschuld bei den politischen Rahmenbedingungen. Komplexe, kleinteilige Förderprogramme und stetig verschärfte Bauanforderungen hätten den Neubau schlicht abgewürgt.
„Es gibt kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem“, kritisiert Katharina Metzger, Präsidentin des Bundesverbandes Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB). Die Hälfte der Legislaturperiode sei ohne echte politische Akzente vergangen, während wertvolle Produktionskapazitäten unwiederbringlich vom Markt verschwinden.
Scharfe Kritik kommt auch von einem Elf-Verbände-Bündnis: Statt die im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD vereinbarten Maßnahmen umzusetzen, verliere sich die Politik in immer neuen, ablenkenden Ideen.
Forderungskatalog: Die zwei Strategien im Detailvergleich
Während das Verbändebündnis Wohnungsbau an den Stellschrauben der technischen Standards und Steuer-AfA dreht, fordert das breitere, elf Verbände starke Bündnis einen umfassenden „Bau-Turbo II“ gegen den Rezessionskurs.
Die Forderungen der Bündnisse auf einen Blick:
Bereich | Verbändebündnis Wohnungsbau (IG BAU, ZDB, GdW, BFW, DGfM, BDB) | Elf-Verbände-Bündnis („Bau-Turbo II“) (u.a. Bauindustrie, ZIA, BDA, GdW, IVD, vdp) |
|---|---|---|
Baurichtlinien & Baustandards | - Gebäudetyp E sofort rechtssicher umsetzen – nicht erst zum Jahresanfang 2027. - Bundesweit verlässliche Basisstandards. | - Gebäudetyp E als Standard für einfacheres Bauen zwingend einführen. - Neuer gesellschaftlicher Konsens. |
Förderpolitik | - Umgehend einfaches Förderkonzept aufsetzen (Volumen brach auf ein Drittel von 2022 ein). - Verlängerung der EH-55-Förderung verlässlich und zinsattraktiv gestalten. | - Verlässliche Förderpolitik langfristig gewähren. - Stabile Finanzierungsbedingungen für Investoren sichern. |
Steuerliche Anreize | - Sonderabschreibung (§ 7b EStG) auf EH 55 EE ausrichten statt auf das teurere EH 40 QNG. - Zuschussprogramme für Selbstnutzer. | - Grundsätzliche Verbesserung der steuerlichen Rahmenbedingungen für die Immobilienwirtschaft. |
Prozess & Tempo | - „Fast Lane“-Prinzip (Abwägungsvorrang auf Vorhabenebene) für das Wohnen umsetzen. - Beschleunigung der anstehenden BauGB-Novelle. | - Klare Prioritätensetzung und entschlossenes Handeln der Bundesregierung zur allgemeinen Beschleunigung. |
Markt & Daten | - Einheitliche, bürokratiefreie Baubeginn-Statistik einführen. | - Mietenregulierung stoppen und nicht weiter verschärfen. |
Holzindustrie fordert das Ende der föderalen Zersplitterung
Auch aus den spezialisierten Segmenten wächst der Druck. Dr. Denny Ohnesorge, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Holzindustrie (HDH), sieht in administrativen Hürden einen zentralen Preistreiber: „Neben steigenden Bauzinsen sind es politisch gemachte Vorschriften und bürokratische Hürden, die das Bauen verteuern. Die föderale Zersplitterung der Landesbauordnungen muss endlich ein Ende haben.“ Bund und Länder seien in der Pflicht, um serielle Skaleneffekte wieder zu ermöglichen.
Immobilienverband IVD: „Mindestbaustandards statt neuer Regulierung“
IVD-Präsident Dirk Wohltorf warnt die Bundesregierung vor einer reinen Verwaltung des Mangels durch verschärfte Mietpreisregulierungen: „Noch schärfere Mietpreisregulierung lösen die Wohnungsfrage nicht – sie verschärft Investitionsbedingungen zusätzlich. Das Gebot der Stunde lautet Deregulierung: weniger Vorschriften, einfachere Verfahren und konsequent nur noch Mindestbaustandards statt immer neuer Anforderungen.“
Stimmen aus der Praxis: Fehlende Wohnungen sind Standortnachteil
„Ohne ausreichend Wohnungsneubau fehlt das Fundament für Wachstum. Wenn Häuser und Wohnungen fehlen, dann ist das ein knallharter Standortnachteil“, bilanziert BFW-Präsident Dirk Salewski mit Blick auf Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD). ZDB-Präsident Wolfgang Schubert-Raab ergänzt: „Bauinvestitionen stärken Handwerk, Industrie und regionale Wirtschaftskreisläufe – sie sind der Motor für den Wohlstand.“
Das Angebot der Baubranche steht: Das Elf-Verbände-Bündnis hat der Bundesbauministerin explizit angeboten, in einen intensiven Arbeits- und Umsetzungsdialog abseits der etablierten Runden zu treten. Die Lösungen liegen bereit.
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