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Genossenschaftlicher Wohnungsbau: Die Illusion in der Wohnungskrise

Genossenschaftlicher Wohnungsbau: Die Illusion in der Wohnungskrise
Der Wohnungsbau in Deutschland steckt in der Krise. Warum das Genossenschaftsmodell an der Realität scheitert und was wir von der Schweiz lernen. | Foto: Pixabay

Der Wohnungsneubau in Deutschland ist auf einem historischen Tiefstand. Hohe Baukosten, Zinsen und fehlendes Bauland lähmen den Markt. Obwohl genossenschaftliche Modelle oft als Lösung gegen die Wohnungsnot gepriesen werden, fehlen hierzulande wirksame Förderungen und bezahlbare Grundstücke. Ein Blick auf das Erfolgsmodell Schweiz zeigt, wie echte politische Schützenhilfe funktionieren kann.


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Der Wohnungsneubau in Deutschland ist im Jahr 2026 an einem historischen Tiefpunkt angelangt. Entgegen den ursprünglichen Regierungszielen von 400.000 Einheiten prognostizieren Branchenanalysten für das laufende Jahr nur noch die Fertigstellung von rund 150.000 bis 180.000 Wohnungen. Die Zahl der tatsächlichen Baustarts im Geschosswohnungsbau ist seit dem Höchststand von 2022 um dramatische 77 Prozent eingebrochen.

Gleichzeitig verfehlt die Bautätigkeit den realen Bedarf geografisch eklatant. Eine Analyse des Immobilienspezialisten Jones Lang LaSalle (JLL) zeigt, dass jährlich rund 50.000 Wohnungen in Regionen mit schrumpfender Nachfrage entstehen, während in den Ballungsräumen ein akutes Defizit von mindestens 80.000 Wohneinheiten pro Jahr aufläuft. Hohe Zinsen, stark gestiegene Materialpreise und die überbordende deutsche Bürokratie mit mehr als 20.000 Bauvorschriften machen den freifinanzierten und den geförderten Neubau gleichermaßen unwirtschaftlich.

Illusion statt Initiative: Die Realität der politischen Förderung

In der politischen Debatte wird der genossenschaftliche Wohnungsbau oft als Heilsbringer gegen steigende Mieten und Wohnungsnot genannt. Sachlich betrachtet gibt es in Deutschland jedoch kaum eine gezielte, wirksame Förderung für diesen Sektor. Die von der Bundesregierung initiierte „Neue Wohngemeinnützigkeit“ (NWG) wird in der Fachwelt und von den Verbänden stark kritisiert.

Der Spitzenverband der Wohnungswirtschaft (GdW) und der Berliner Mieterverein weisen darauf hin, dass dem Konzept der „echte Wumms“ fehlt: Die in Aussicht gestellten Steuererleichterungen von 1.000 bis 2.000 Euro pro Wohnung und Jahr sind angesichts der explodierten Gestehungskosten von rund 5.400 Euro pro Quadratmeter völlig unzureichend, um Neubauinvestitionen anzureizen. Zudem zeigt eine aktuelle Analyse des Genoverbandes, dass die Förderprogramme für genossenschaftliches Wohnen auf Länderebene ein Flickenteppich sind. In der Hälfte der Bundesländer – darunter Bayern und Hamburg – wird das genossenschaftliche Bauen unterdurchschnittlich schlecht gefördert.

Wachstumsbremsen: Warum keine neuen Genossenschaften entstehen

Dass der genossenschaftliche Sektor in Deutschland schrumpft statt zu wachsen, liegt an unüberwindbaren ökonomischen und regulatorischen Hürden:

  • Kapitalmangel bei Neugründungen: Um eine Genossenschaft zu gründen, ist enorm viel Eigenkapital erforderlich. Da Banken in der aktuellen Zinsphase extrem risikoavers agieren, scheitern Neugründungen meist schon in der Planungsphase an der Finanzierung.
  • Interessenkonflikt im Bestand: Etablierte Wohnungsgenossenschaften sind gesetzlich primär der Förderung ihrer Bestandsmitglieder verpflichtet. Würden sie jetzt teuren Neubau zu Gestehungskosten realisieren, der Mieten von 18 Euro pro Quadratmeter erfordert, müssten sie diese Kosten entweder auf den Altbestand umlegen oder das finanzielle Risiko allein tragen. Die Folge: Rund 70 Prozent der genossenschaftlichen Unternehmen bauen derzeit keine einzige neue Wohnung.
  • Flächenmangel und Erbbaurecht: Kommunen vergeben Grundstücke selten gezielt an Genossenschaften. Zudem laufen derzeit viele historische Erbbaurechtsverträge aus. Die Kommunen verlangen bei der Verlängerung oft marktübliche, drastisch erhöhte Erbbauzinsen, was die Mieten im Bestand nach oben treibt.

Vorbild Schweiz: Systemische Unterschiede im Direktvergleich

In der Schweiz hat der genossenschaftliche Wohnungsbau einen völlig anderen Stellenwert. In Städten wie Zürich sind über 20 Prozent der Wohnungen in der Hand von Baugenossenschaften. Dieser Erfolg basiert auf strukturellen Rahmenbedingungen, die in Deutschland fehlen:

  • Staatliche Finanzierungshilfen: Die Schweiz verfügt über einen rotierenden Fonds („Fonds de Roulement“), der Genossenschaften zinsgünstige Darlehen als risikotragendes Kapital vorschießt.
  • Flächenprivilegierung: Schweizer Kommunen wenden konsequent ein Vorkaufsrecht für gemeinnützige Bauträger an und entziehen Grundstücke systematisch der Spekulation.
  • Effiziente Flächennutzung: Es gelten strikte Belegungsvorschriften. Steht eine Wohnung im Verhältnis zur Personenzahl unterbelegt (z. B. nach dem Auszug der Kinder), müssen die Mieter in eine kleinere Wohnung innerhalb der Genossenschaft umziehen. Das senkt den Pro-Kopf-Flächenverbrauch auf 31 Quadratmeter (gegenüber 44 Quadratmetern in Deutschland) und hält die Betriebskosten niedrig.

Genossenschaftlicher Wohnungsbau: Vor- und Nachteile im Überblick

Vorteile des Modells

Nachteile und Systemgrenzen

Lebenslanges Wohnrecht und vollständiger Schutz vor Eigenbedarfskündigungen.

Extreme Selektion: Aufnahmestopps und jahrelange Wartelisten für Außenstehende.

Spekulationsfreie Mieten, die sich rein an den echten Bewirtschaftungskosten orientieren.

Hohe finanzielle Eintrittshürde durch den Pflichtkauf von Genossenschaftsanteilen.

Demokratische Mitbestimmungsrechte für die Mitglieder der Genossenschaft.

Träge demokratische Prozesse verzögern dringende Sanierungen oder Neubauentscheidungen.

Was sich in Deutschland grundlegend ändern muss

Damit Genossenschaften einen realen Beitrag zur Linderung der Wohnungsnot leisten können, muss die Politik von symbolischen Absichtserklärungen zu strukturellen Reformen übergehen.

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Kommunen müssen über Konzeptverfahren Grundstücke gezielt und verbilligt an Genossenschaften vergeben, statt sie an den Meistbietenden zu veräußern. Zudem ist eine bundesweit einheitliche, verlässliche und mit ausreichend Kapital ausgestattete Investitionsförderung für genossenschaftliche Neugründungen zwingend erforderlich. Schließlich muss die Politik die Bauvorschriften drastisch reduzieren: Nur durch den Verzicht auf überzogene Standard- und Komfortauflagen lassen sich die Baukosten so weit senken, dass genossenschaftliches Bauen auch ohne extreme Subventionen wieder bezahlbare Mieten ermöglicht.

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