Wohnungsbaukrise
Verbände schlagen Alarm: Wohnungsbau droht zu kollabieren

Auf dem Wohnungsbautag in Berlin zog das Verbändebündnis Wohnungsbau eine düstere Bilanz: Der deutsche Wohnungsmarkt ist eingefroren, der Neubau befindet sich im freien Fall und die Politik agiert zu zögerlich. Mit einem dringenden Appell und einem konkreten 4-Punkte-Programm fordert die Branche ein sofortiges Umsteuern.
Die Fakten, untermauert durch eine aktuelle Studie des Bauforschungsinstituts ARGE und des RegioKontext Instituts, sind alarmierend. Nachdem die Zahl der fertiggestellten Wohnungen bereits von über 306.000 im Jahr 2020 auf voraussichtlich 220.000 im Jahr 2025 gefallen ist, droht 2026 ein weiterer Absturz auf unter 200.000 Einheiten. Das ist weniger als die Hälfte des eigentlichen Bedarfs. Die Folgen sind gravierend: 9,9 Millionen Menschen leben in überbelegten Wohnungen, und der Markt ist blockiert. Wer umziehen will oder muss – ob Familien, die mehr Platz brauchen, oder Senioren, die sich verkleinern möchten – findet kaum passende und bezahlbare Angebote.
Kostenexplosion und Zinswende: Die Treiber der Baukrise

Die Hauptursachen für die Misere sind klar benannt. Die Gestehungskosten für den Neubau in Großstädten liegen inklusive Grundstück mittlerweile bei rund 5.400 Euro pro Quadratmeter. Dies erzwingt Kaltmieten von mindestens 18 Euro, die für Durchschnittsverdiener nicht mehr tragbar sind. Verschärft wurde die Lage durch den rapiden Zinsanstieg seit 2022, auf den die Politik nicht mit adäquaten Förderinstrumenten reagiert hat. Das Ergebnis: Eine Welle von auslaufenden Baugenehmigungen und ein schrumpfender Bauüberhang, die die "Fertigstellungsreserve" der kommenden Jahre aufzehren.
Vier-Punkte-Plan für die Bauwende: Das fordert die Branche
Um eine Trendwende einzuleiten, präsentierte das Verbändebündnis ein Vier-Punkte-Programm mit klaren Forderungen an die Bundesregierung:
- Baukosten reduzieren: Durch die schnelle, rechtssichere Einführung eines neuen "Basisstandard Wohnen" nach dem Vorbild des "Gebäudetyp-E" (Einfaches Bauen). Dieser Standard soll alle gesetzlichen Anforderungen erfüllen, aber auf kostspielige und wartungsintensive Extras verzichten.
- Förderungen fokussieren: Staatliche Fördergelder müssen gezielt in den sozialen und bezahlbaren Wohnraum (Mieten zwischen 8,50 und 12,50 Euro/m²) gelenkt werden.
- "Fast Lane" für das Bauen: Planungs- und Genehmigungsverfahren müssen radikal beschleunigt werden, um den bürokratischen Abbau voranzutreiben und den Wohnungsbau zu priorisieren.
- Bundesstatistik der Baubeginne: Eine neue, monatliche Statistik soll die tatsächlichen Baubeginne erfassen, um der Politik ein zeitnahes und präzises Steuerungsinstrument an die Hand zu geben.
Jan Dietrich Radmacher, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Kalksandsteinindustrie, unterstrich im Nachhinein der Konferenz die Bedeutung verlässlicher Förderinstrumente und klarer gesetzlicher Perspektiven: „Die Signale aus der Politik stimmen grundsätzlich. Die geäußerte Bereitschaft der Fraktionsvorsitzenden Jens Spahn und Matthias Miersch, das EH55-Programm über den 30. Juni hinaus zu verlängern, gibt Projektentwicklern und Baustoffindustrie mehr Planungssicherheit.“ Er betonte, dass alle Marktpartner dringend Projektstarts aus dem Bauüberhang benötigten, um die herausfordernde Situation zu meistern.
"Gebäudetyp E": Hoffnungsträger für bezahlbares Bauen
Als zentraler Lösungsansatz kristallisierte sich das Konzept des "Gebäudetyp E" heraus. Es steht für ein einfacheres, schnelleres und kostengünstigeres Bauen mit robuster Substanz und geringem Instandhaltungsaufwand. Die Verbände appellieren an Bund und Länder, diesen Ansatz durch eine rechtliche Absicherung zu unterstützen und als neuen Standard zu etablieren. Initiativen in Bundesländern wie Schleswig-Holstein, Bayern und Hamburg zeigen bereits, dass dieser Weg erfolgreich sein kann. Fazit des Wohnungsbautags: Die Lösungen liegen auf dem Tisch. Die Branche stellt die Frage: „Worauf wartet Deutschland?“
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