Umwelttechnologie
Kanalsanierung in der Ausbildung: Theorie trifft Praxis

104 angehende Umwelttechnologinnen und Umwelttechnologen lernten bei der Kanalsanierungsoffensive 2026 aktuelle Sanierungs- und Reparaturverfahren praktisch kennen. Neben Fachvorträgen und Demonstrationen am Hans-Schwier-Berufskolleg in Gelsenkirchen ging es erstmals auch auf eine Baustelle. Ziel des Formats ist es, Ausbildungsinhalte mit dem aktuellen Stand der Praxis zu verbinden.

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Wer einen Schlauchliner nur aus dem Unterricht kennt, weiß zwar, wie das Verfahren grundsätzlich funktioniert. Wie ein Liner auf einer Baustelle gehandhabt wird, welche Arbeitsschritte notwendig sind und wie das Zusammenspiel von Material, Technik und Fachpersonal funktioniert, erschließt sich jedoch erst unmittelbar vor Ort. Gleiches gilt für Reparaturverfahren, Harzsysteme oder den Einsatz von Sanierungsrobotern.
Genau an dieser Schnittstelle zwischen Theorie und Anwendung setzt die Kanalsanierungsoffensive an. An zwei Tagen im September kamen am Hans-Schwier-Berufskolleg in Gelsenkirchen 104 Auszubildende mit Fachleuten aus der Kanalsanierungsbranche zusammen. Kurze theoretische Einführungen in den Klassenräumen wurden mit praktischen Vorführungen verbunden. In diesem Jahr führte der Weg erstmals zusätzlich vom Schulhof auf eine Baustelle in der Nähe der Schule.
Modernisierte Ausbildungspläne: Mehr Sanierung in der Ausbildung
Seit August 2024 werden Umwelttechnologinnen und Umwelttechnologen für Rohrleitungsnetze und Industrieanlagen ausgebildet. Der neu geordnete Ausbildungsberuf löste die bisherige Fachkraft für Rohr-, Kanal- und Industrieservice ab. Mit der Neuordnung wurden auch die Ausbildungsrahmenpläne modernisiert. Kanalsanierung wird damit intensiver in der Ausbildung behandelt. Für die praktische Vermittlung ergibt sich allerdings eine Herausforderung: Nicht jeder Ausbildungsbetrieb bietet alle Sanierungsverfahren an, die Bestandteil der Ausbildung sind. Schon bei der Kanalsanierungsoffensive 2025 zeigte sich deshalb der Wert eines Formats, das unterschiedliche Verfahren und Unternehmen an einem Ort zusammenbringt.
Die Kanalsanierungsoffensive will diese Lücke ein Stück weit schließen. Das Konzept ist bewusst einfach: Fachunternehmen erläutern zunächst die Grundlagen eines Verfahrens. Anschließend zeigen sie Maschinen, Werkstoffe und Anwendungen praktisch. Die Auszubildenden können beobachten, nachfragen und, wo möglich, selbst ausprobieren. Neben Maschinen, Materialien und praktischen Vorführungen spielte auch die Prüfungsvorbereitung eine Rolle. Der Verband der Rohr- und Kanal-Technik-Unternehmen e. V. (VDRK) war als Gast dabei und stellte seine E-Learning-Plattform für Auszubildende vor. Sie unterstützt angehende Umwelttechnologinnen und Umwelttechnologen dabei, Ausbildungsinhalte zu vertiefen und sich auf die Abschlussprüfung vorzubereiten.
Die Idee der Kanalsanierungsoffensive entstand auf Initiative eines Mitgliedsunternehmens. Nach einem ersten Testlauf 2023 wurde das Format weiterentwickelt. Der Bundesverband grabenlose Technologien e. V. (BGT) bringt dafür Berufsschule und Mitgliedsunternehmen zusammen und koordiniert den Austausch zwischen Ausbildung und Praxis.
Verfahren verstehen statt nur darüber sprechen
Wie wichtig das Zusammenspiel von theoretischem Wissen und eigener Anschauung ist, zeigte sich an den verschiedenen Stationen. Erstaunte Blicke gab es beispielsweise bei der Harzvorführung von MC-Bauchemie. Die Auszubildenden konnten unmittelbar beobachten, wie sich das Material verhält und wie die Aushärtung erfolgt. Sanierungstechnik Dommel demonstrierte den Einzelrohreinbau. Beim Einzelrohr-Lining werden einzelne kurze Rohrelemente nacheinander in die bestehende Leitung eingebaut und bilden somit eine neue Leitung in der bestehenden.
Am zweiten Veranstaltungstag standen Reparaturverfahren im Mittelpunkt. Umwelttechnik Franz Janßen stellte die Reparatur durch Injektion vor, Bodenbender zeigte den Einbau eines Kurzliners und die Uhrig Group den Einsatz von Innenmanschetten mit dem Quick-Lock-System. Bei Pipetronics durften die Auszubildenden den Fräsroboter selbst steuern. Der fachliche Nutzen liegt gerade in dieser Bandbreite. Die Auszubildenden lernen nicht nur Verfahren kennen, die ihr jeweiliger Ausbildungsbetrieb einsetzt. Sie erhalten einen Überblick über unterschiedliche technische Lösungsansätze und können deren Funktionsweise unmittelbar miteinander vergleichen.
„Das hilft den Jungs und Mädels auf der Baustelle und bei der Prüfung sehr“, sagt Dennis Treptau von Bodenbender. Für ihn liegt der Wert des Formats vor allem darin, Technik nicht nur theoretisch kennenzulernen: „Ich kenne das noch aus meiner eigenen Ausbildung. Solche Praxistage finde ich sehr interessant, vor allem, wenn man die Möglichkeit hat, so etwas tatsächlich zu sehen.“

Vom Schulhof auf die Baustelle
Damit kamen drei Ebenen zusammen: Im Klassenraum werden die Grundlagen vermittelt, auf dem Schulgelände lassen sich Materialien und Technik aus nächster Nähe kennenlernen und auf der Baustelle erleben die Auszubildenden schließlich, wie daraus ein realer Arbeitsprozess wird. „Ich fand es gut, die Verfahren auch mal in echt zu sehen, statt nur darüber zu reden. Es war interessant zu sehen, wie schnell ein Harz aushärtet“, fasste ein Auszubildender seine Eindrücke zusammen.
Eine andere Teilnehmerin überraschte besonders das Berstverfahren: „Mich hat überrascht, dass es Verfahren gibt, bei denen das alte Rohr aufgebrochen und gleichzeitig sogar ein größeres Rohr eingezogen werden kann. Rohre können also grabenlos erneuert werden.“ Beim Berstverfahren wird das vorhandene Altrohr mit einem Berstkörper aufgebrochen und in das umgebende Erdreich verdrängt. Gleichzeitig wird die neue Leitung eingezogen. Das Beispiel zeigt, welchen Unterschied praktische Anschauung machen kann: Aus einem abstrakten Verfahren wird ein nachvollziehbarer technischer Prozess.
Wie vielfältig der Beruf geworden ist
Praxisnähe bedeutet dabei mehr als das Kennenlernen einzelner Verfahren. Die Offensive vermittelt auch einen Eindruck davon, wie technisch vielfältig das heutige Berufsbild ist. „Die Auszubildenden sollen am Ende des Tages ihren Familien, Freunden und Bekannten erzählen können, wie umfangreich der Ausbildungsberuf Umwelttechnologe tatsächlich ist“, sagt Rene Valenta von Umwelttechnik Franz Janßen. Ob TV-Inspektion oder Sanierung, die Arbeit sei heute von moderner technischer Ausrüstung geprägt. Valenta kennt die praktische Arbeit aus eigener Erfahrung und sieht gerade darin einen wichtigen Aspekt bei der Vermittlung des Berufsbildes.
Auch Matthias Galkow, Anwendungstechniker bei Pipetronics, verweist auf eine Besonderheit der Branche: Ein großer Teil ihrer Arbeit bleibt für Außenstehende unsichtbar. „Wenn man die Fahrzeuge auf einer Baustelle sieht, erkennt man von außen meistens gar nicht, was dort eigentlich gemacht wird.“ Die Auszubildenden könnten bei einem solchen Praxistag sehen, „was mittlerweile in der Sanierung möglich ist“ und was die Fachkräfte auf den Baustellen leisten. Dabei reicht das Spektrum von spezialisierten Einzelverfahren bis zu multifunktionalen Systemen. Pipetronics zeigte beispielsweise ein Sanierungsfahrzeug, mit dem unterschiedliche Arbeiten und Reparaturverfahren durchgeführt werden können. Die Beispiele zeigen zugleich, dass es in der modernen Kanalsanierung nicht das eine Verfahren gibt. Unterschiedliche Schäden und Randbedingungen erfordern unterschiedliche technische Lösungen. Die Möglichkeit, mehrere davon unmittelbar nacheinander kennenzulernen, ist deshalb ein wesentlicher Bestandteil des Formats.
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Praxisnähe als Gemeinschaftsaufgabe
Für die beteiligten Unternehmen bedeutet die Kanalsanierungsoffensive einen erheblichen Einsatz. Fachpersonal, Maschinen, Materialien und Fahrzeuge werden zur Verfügung gestellt. Die Fachleute erklären nicht nur die Funktionsweise ihrer Technik, sondern beantworten Fragen zu Arbeitsabläufen und praktischen Erfahrungen. Für den BGT liegt darin eine zentrale Aufgabe des Formats. „Im Unterricht lernen die Auszubildenden die Grundlagen. Mit der Kanalsanierungsoffensive bringen unsere Mitgliedsunternehmen den aktuellen Stand der Praxis direkt in die Schule“, sagt Annika Bach, Geschäftsführerin des BGT. „Die Auszubildenden können die Verfahren nicht nur kennenlernen, sondern Maschinen und Materialien sehen, anfassen und sich direkt mit den Fachleuten austauschen, die täglich damit arbeiten.“
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Die Kanalsanierungsoffensive ersetzt dabei nicht die praktische Ausbildung im Betrieb. Sie erweitert sie. Gerade wenn ein Ausbildungsbetrieb bestimmte Verfahren selbst nicht anbietet, können die angehenden Umwelttechnologinnen und Umwelttechnologen Technologien kennenlernen, mit denen sie sonst möglicherweise erst deutlich später in Berührung kämen. Denn wer künftig Verantwortung für Rohrleitungsnetze übernimmt, sollte nicht nur wissen, welche Verfahren zur Verfügung stehen. Er oder sie sollte auch verstehen, wie sie funktionieren, wo ihre Unterschiede liegen und wie sie in der Praxis eingesetzt werden. Genau dafür schafft die Kanalsanierungsoffensive Raum.
Kanalsanierungsoffensive 2026
Termin: 9. und 10. September 2026
Ort: Hans-Schwier-Berufskolleg, Gelsenkirchen
Teilnehmende: 104 Auszubildende
Ausbildungsberuf: Umwelttechnologinnen und Umwelttechnologen für Rohrleitungsnetze und Industrieanlagen
Konzept: Fachliche Kurzvorträge, praktische Demonstrationen und Baustellenexkursion
Koordination: BGT – Bundesverband grabenlose Technologien e. V.
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Quelle: BGT
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