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Kanalsanierung/

Lebensdauer von Schlauchlinern: Dateneinblick bringt Planungssicherheit

Schlauchliner-Lebensdauer

Ein datenbasierter Ansatz für mehr Planungssicherheit

D
Dipl.-Ing. Andreas Haacker
03.08.2026, 00:00
OSTSTEINBEK
Lebensdauer von Schlauchlinern: Dateneinblick bringt Planungssicherheit
Messung der Verformung von Schlauchlinern im Langzeit-Scheiteldruckversuch | Foto: Siebert + Knipschild GmbH

Die gängige Praxis unterschätzt die Nutzungsdauer von Schlauchlinern massiv. Ein neuer, datenbasierter Ansatz deckt nun verborgene Systemreserven auf: Durch Verformungsmessungen im Betrieb lässt sich die reale Restnutzungsdauer auf Basis des realen Lasteintrags bestimmen. Das bringt Netzbetreibern durch eine deutlich verbesserte Planungssicherheit erhebliche wirtschaftliche Vorteile.


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Schlauchliner haben sich in den vergangenen Jahrzehnten als eines der wichtigsten Verfahren zur grabenlosen Sanierung von Abwasserleitungen etabliert. Ihre Bemessung und Zulassung erfolgt in der Regel auf Grundlage normativer Vorgaben, die eine Nutzungsdauer von etwa 50 Jahren ansetzen. Diese Annahme findet sich sowohl in statischen Berechnungen als auch in Eignungsprüfungen wieder und bildet die Grundlage für Investitionsentscheidungen von Netzbetreibern.

Gleichzeitig zeigen praktische Erfahrungen aus dem Betrieb ein differenzierteres Bild: Entnommene Proben aus bestehenden Linern weisen häufig nur geringe Verformungen und kaum erkennbare chemische oder mechanische Alterungserscheinungen auf. Dies wirft die Frage auf, ob die reale Nutzungsdauer von Schlauchlinern unter den tatsächlichen Einbaubedingungen nicht deutlich über den bislang angesetzten 50 Jahren liegt.

Vor diesem Hintergrund gewinnt ein Ansatz an Bedeutung, der auf der systematischen Analyse des realen Betriebsverhaltens basiert und eine belastbare Abschätzung der tatsächlichen Lebensdauer ermöglicht.

Konservative Liner-Bemessung: Sicherheit vs. Wirtschaftlichkeit

Die aktuelle Dimensionierung von Schlauchlinern folgt einem konservativen Sicherheitsverständnis:

  • Annahme ungünstiger Lastfälle (Erd-, Verkehr- und Grundwasserlasten)
  • Berücksichtigung von Materialdegradation über den gesamten Bemessungszeitraum
  • Anwendung pauschaler Nutzungsdauern ohne objektspezifische Differenzierung

Diese Vorgehensweise gewährleistet ein hohes Maß an Sicherheit, führt jedoch gleichzeitig zu einer potenziellen Unterschätzung vorhandener Systemreserven. Für Netzbetreiber bedeutet dies, dass Sanierungs- und Erneuerungsmaßnahmen möglicherweise früher angesetzt werden als technisch erforderlich.

Ovalisierungsmessung: Der Schlüsselindikator für Rohrverformung

Ein vielversprechender Ansatz zur realitätsnahen Lebensdauerbewertung basiert auf der Messung der Rohrverformung (Ovalisierung) über die Betriebszeit. Die Grundidee ist dabei einfach:

Die Verformung eines Schlauchliners entsteht aus dem Zusammenspiel von äußeren Lasten und dem zeitabhängigen Materialverhalten (insbesondere Kriechprozesse). Sie stellt somit eine direkt messbare Größe dar, die Rückschlüsse auf die tatsächliche Beanspruchung und strukturelle Integrität ermöglicht.

Die Ovalisierung wird in der Regel über die Abweichung von maximalem und minimalem Durchmesser beschrieben und kann mit modernen Verfahren präzise erfasst werden, beispielsweise durch:

  • Laserscanning im Rahmen von TV-Inspektionen
  • LIDAR-basierte Profilvermessungen
  • hochauflösende geometrische Messsysteme im Kanalbetrieb

Durch wiederholte Messungen zu definierten Zeitpunkten (z.B. nach 5, 10, 20 oder mehr Jahren) entsteht ein zeitabhängiges Verformungsprofil des Liners.

Statische Modellierung: Soll-Ist-Vergleich von Lasten und Verformung

Die gemessenen Verformungen können in einem nächsten Schritt mit bestehenden statischen Modellen abgeglichen werden. Auf diese Weise lassen sich:

  • die tatsächlich wirksamen Lasten rückrechnen,
  • Materialkennwerte unter Betriebsbedingungen bewerten,
  • und vorhandene Sicherheitsreserven quantifizieren.

Der Vergleich von berechneter (Soll-) und gemessener (Ist-) Verformung liefert eine belastbare Grundlage zur Bewertung der strukturellen Beanspruchung. In vielen Fällen zeigt sich dabei, dass die realen Verformungen deutlich unter den prognostizierten Werten liegen.

Laboranalysen: Punktuelle Prüfung auf Materialdegradation | Ergänzende Materialuntersuchungen

Zur Absicherung der Materialeigenschaften können punktuelle Untersuchungen herangezogen werden. Diese umfassen beispielsweise:

  • mechanische Prüfungen (E-Modul, Festigkeit),
  • chemische Analysen (Beständigkeit, Alterung),
  • mikrostrukturelle Untersuchungen.

Über die Untersuchungsergebnisse kann ein Rückschluss darauf getroffen werden, inwieweit eine Abminderung über den Nutzungszeitraum stattgefunden hat. Die bisherigen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass relevante Degradationsmechanismen im Kanalbetrieb häufig nur in begrenztem Umfang auftreten. Dadurch wird die Annahme gestützt, dass die strukturelle Leistungsfähigkeit über den Bemessungszeitraum hinaus erhalten bleiben kann.

Entnahme einer Materialprobe nach 40 Jahren Betriebszeit zur Feststellung der Materialeigenschaften | Foto: Aarsleff Rohrsanierung GmbH
Entnahme einer Materialprobe nach 40 Jahren Betriebszeit zur Feststellung der Materialeigenschaften | Foto: Aarsleff Rohrsanierung GmbH

Prognoseverfahren: Datenspezifische Ermittlung der Restnutzungsdauer

Auf Basis der erfassten Verformungsdaten lässt sich das Langzeitverhalten des Liners modellieren und in die Zukunft extrapolieren. Ziel ist die Bestimmung eines Zeitpunkts, an dem ein definierter Grenzzustand erreicht wird, beispielsweise:

  • eine maximale zulässige Ovalisierung,
  • eine kritische Reduzierung der Tragfähigkeit,
  • oder das Erreichen werkstofflicher Grenzwerte.

Aus der Differenz zwischen diesem Zeitpunkt und dem aktuellen Alter ergibt sich die Restnutzungsdauer. Damit wird die bisher pauschale Lebensdauerannahme durch eine objektspezifische, datenbasierte Bewertung ersetzt.

Asset Management: Strategische Vorteile für Kanalnetzbetreiber

Für Betreiber von Abwassernetzen ergeben sich aus diesem Ansatz erhebliche Vorteile:

1. Erhöhte Planungssicherheit

Durch die Nutzung realer Messdaten können Zustände und Entwicklungen deutlich genauer beurteilt werden als durch rein normative Annahmen.

2. Optimierte Investitionsstrategien

Sanierungsmaßnahmen können gezielter geplant und zeitlich gestreckt werden. Dies ermöglicht eine effizientere Mittelverwendung und vermeidet unnötige Eingriffe.

3. Datenbasiertes Asset Management

Die kontinuierliche Erfassung und Auswertung von Zustandsdaten bildet die Grundlage für moderne, zustandsorientierte Instandhaltungsstrategien.

4. Nutzung vorhandener Sicherheitsreserven

Nachweislich geringe Verformungen und stabile Materialeigenschaften erlauben es, bestehende Systeme länger wirtschaftlich zu betreiben.

Standardisierung: Integration des Monitorings in DWA-Regelwerke

Der vorgestellte Ansatz bietet das Potenzial, bestehende Regelwerke – beispielsweise im DWA-Kontext – sinnvoll zu ergänzen. Anstelle pauschaler Nutzungsdauern könnte zukünftig eine kombinierte Bewertungsmethodik aus Bemessung, Monitoring und Zustandsanalyse etabliert werden.

Dazu gehören:

  • standardisierte Verfahren zur Geometrievermessung
  • einheitliche Bewertungsgrundlagen für Verformungen
  • definierte Grenzwerte und Extrapolationsmethoden
  • Leitlinien für Monitoringprogramme

Fazit: Paradigmenwechsel hin zum zustandsorientierten Kanalmanagement

Die bisher angesetzte Nutzungsdauer von 50 Jahren für Schlauchliner stellt eine konservative, aber vereinfachende Annahme dar. Moderne Mess- und Analysemethoden ermöglichen es heute, das tatsächliche Verhalten im Betrieb deutlich präziser zu erfassen und zu bewerten.

Die systematische Analyse der Ovalisierung in Verbindung mit statischen Modellen und Materialuntersuchungen eröffnet einen neuen, datenbasierten Zugang zur Lebensdauerbewertung. Für Netzbetreiber entsteht dadurch eine fundierte Grundlage für langfristige Planung, wirtschaftliche Investitionen und nachhaltigen Netzbetrieb. Damit markiert dieser Ansatz einen wichtigen Schritt in Richtung eines zustandsorientierten und zukunftsfähigen Kanalmanagements.

Autor: Andreas Haacker, ö.b.u.v. Sachverständiger für Anwendung und Prüfung von verstärkten, duroplastischen und thermoplastischen Kunststoffen, Mitglied im Vorstand des Bundesverbands grabenlose Technologien, Geschäftsführer Siebert + Knipschild GmbH | Foto: Siebert + Knipschild GmbH
Autor: Andreas Haacker, ö.b.u.v. Sachverständiger für Anwendung und Prüfung von verstärkten, duroplastischen und thermoplastischen Kunststoffen, Mitglied im Vorstand des Bundesverbands grabenlose Technologien, Geschäftsführer Siebert + Knipschild GmbH | Foto: Siebert + Knipschild GmbH

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