Branchendoppel in Kassel
Was man über erfolgreiche Kanalsanierung wissen sollte

264 Teilnehmer kamen Anfang September zum 24. Deutschen Schlauchlinertag, 164 zum 15. Deutschen Reparaturtag. Die Beiträge reichten von erfolgreichen Projektbeispielen bis hin zu neuen Verfahren und aktuellen technischen Entwicklungen. Dabei zog sich eine Frage durch beide Veranstaltungstage: Was muss von der Planung über die Ausführung und Qualitätssicherung bis in den späteren Betrieb stimmen, damit eine Sanierung dauerhaft funktioniert?

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Die Sanierung von Trinkwasserleitungen ist eine Herausforderung: Neben der technischen Erneuerung spielen weitere Faktoren eine wichtige Rolle.
„Uns interessiert nicht nur, dass eine Sanierung funktioniert hat. Spannend ist, warum sie funktioniert hat. Welche Grundlagen lagen vor, welche Entscheidungen wurden getroffen und was lässt sich daraus für zukünftige Projekte mitnehmen?“, betonte Dr.-Ing. Igor Borovsky, Vorsitzender der Technischen Akademie Hannover (TAH) und Geschäftsführer des Verbandes zertifizierter Sanierungs-Berater für Entwässerungssysteme (VSB). Diese und viele weitere praxisorientierte Aspekte bildeten den roten Faden beider Veranstaltungstage. Den Schlauchlinertag moderierte Dipl.-Ing. Univ. Alexander Jung von der ISAS GmbH, durch den Reparaturtag führte VSB-Vorstandsvorsitzender Dipl.-Ing. Michael Hippe.
Was Planung leisten muss
Wie früh die Weichen für eine qualitativ hochwertige und langlebige Sanierung gestellt werden, zeigte Dipl.-Ing. (FH) Markus Vogel, Markus Vogel. Ausgangspunkt sei die Leistung, die der Netzbetreiber von der sanierten Anlage über die vorgesehene Nutzungsdauer erwarte. „Dazu zählen Dichtheit, Standsicherheit, Betriebssicherheit, chemische Resistenz und betriebliche Einflüsse“, so Vogel. Für Schlauchliner setzte er eine Nutzungsdauer von mindestens 50 Jahren an. Voraussetzung dafür sei, sämtliche Anforderungen vor der Vergabe eindeutig zu definieren und in Planung und Bauüberwachung konsequent zu berücksichtigen. Denn nur was vertraglich geregelt sei, lasse sich später prüfen und einfordern.


Materialprüfung und Normung

Hausanschluss und Hochdruckreinigung
Dass nicht nur Großprofile, sondern auch kleinere Dimensionen sorgfältige Vorbereitung verlangen, zeigte Dipl.-Ing. (FH) Dirk Mumm vom Eigenbetrieb Abwasser der Stadt Rheda-Wiedenbrück. 2025 und 2026 wurde in Rheda-Wiedenbrück erprobt, Anschlussliner vom Hauptkanal aus einzubauen. Um eine Standardlösung handele es sich hierbei jedoch nicht, so Mumm. Das Verfahren könne den Zugang über den Übergabeschacht vermeiden, sei aber an konkrete technische Randbedingungen gebunden. So müssen unter anderem Einbausituation, Nennweitenbereich und vollständige Inversion berücksichtigt werden. Auch Satelliteninspektion, Fräs- und Reinigungsarbeiten, Einmessung und Wasserhaltung blieben erforderlich.

Qualität zeigt sich nicht nur bei Einbau und Abnahme, sondern auch im späteren Betrieb. Dr.-Ing. Susanne Leddig-Bahls, IQS Engineering AG, machte deutlich, dass Reinigungsziel, Verschmutzungsgrad, Rohrwerkstoff und Zustand die Wahl von Düse und Spülparametern bestimmen. Ihr Grundsatz: „Reinigung mit so wenig Druck wie möglich – nur so viel wie nötig.“ Zur Rückverfolgbarkeit sollten außerdem Düse, Spüldruck, Zahl der Spüldurchgänge und möglichst der Volumenstrom dokumentiert werden.
Wie komplex die tatsächliche Beanspruchung sein kann, griff Dipl.-Ing. Marco Schlüter vom IKT – Institut für Unterirdische Infrastruktur am folgenden Reparaturtag nochmals auf. In seinem Vortrag zeigte er, dass Druck und Durchfluss allein nicht ausreichen, um die Belastung zu beschreiben. Auch Düsentyp, Strahlgeometrie, Abstand sowie Übergänge und Anschlüsse spielen eine Rolle.

Qualität ist Klimaschutz
Prof. Dr. Jörg Sebastian rückte die Nutzungsdauer als wichtigen Faktor der CO₂-Bilanzierung in den Fokus und stellte den Arbeitsstand der VSB-Empfehlung zu Lebenszyklusbewertungen von Sanierungsprodukten und -verfahren vor. Voraussetzung für belastbare Vergleiche seien eine einheitliche funktionale Einheit und klar definierte Systemgrenzen. Dazu gehören unter anderem die betrachtete Leistung, die Nutzungsdauer und die einbezogenen Lebenszyklusphasen. Erst auf dieser Grundlage ließen sich Produkte und Verfahren sinnvoll gegenüberstellen. Ein CO₂-Wert ohne entsprechende Bezugsgröße sei dagegen nicht aussagekräftig.

Welche Bedeutung dabei die Nutzungsdauer hat, zeigte Sebastian an einem einfachen Rechenbeispiel. Wird der CO₂-Ausstoß auf die tatsächlich erreichte Nutzungsdauer bezogen, sinkt der Wert je Meter und Nutzungsjahr mit zunehmender Lebensdauer. Sebastian brachte diesen Zusammenhang auf den Punkt: „Der stärkste Hebel ist die erreichte Nutzungsdauer. Qualität ist Klimaschutz.“
Daran schloss die Podiumsdiskussion unmittelbar an. Diskutiert wurde, wie belastbar ökologische Kennwerte bereits sind und welche Rolle sie künftig in Planung, Ausschreibung und Vergabe spielen können.

Reparatur braucht eine Strategie
Im Rahmen des 15. Deutschen Reparaturtages rückte die Reparatur als Baustein des Netzerhalts in den Fokus. Florian Frambach, M.Eng., von Hansewasser Bremen zeigte, wie solche Maßnahmen systematisch gesteuert werden. Von den rund 2.300 Kilometern Kanalnetz in Bremen werden jährlich 230 Kilometer per TV inspiziert. „Die Daten fließen in das Kanalinformationssystem, werden klassifiziert und auf ihre Sanierungsrelevanz geprüft. Auf die technische und wirtschaftliche Bewertung folgt die Entscheidung, ob repariert, renoviert oder erneuert wird“, erläuterte Frambach.
Wenn schnell gehandelt werden muss

Welche Anforderungen drückendes Grundwasser stellt, erläuterte Sarah Beck-Wieneke, B. Eng., von der IWA Ingenieurgesellschaft. Sie betonte die passende Verfahrenswahl: Entscheidend sei nicht allein, die Infiltration zu stoppen, sondern auch, welche Folgeschäden bereits entstanden seien und wie diese mit der gewählten Methode behoben werden können. „Infiltration kann zu Bodenverlust, Hohlräumen und zum Verlust der Bettungszone führen. Edelstahlmanschetten lassen sich direkt gegen drückendes Grundwasser einsetzen, beheben jedoch keine Bettungsdefizite. Injektionstechniken können dagegen auch Hohlräume und Bettungsdefizite behandeln, stoßen bei starker Grundwasserströmung jedoch an Grenzen“, so die Referentin mit Blick auf die vielen zu berücksichtigenden Details.


Kurzliner und Schachtgerinne
Beim Kurzliner steht und fällt die Qualität bereits vor dem Einbau. Markus Vogel zeigte, dass Dichtheit, Lagesicherheit und Oberflächenschutz allein über den Stoffschluss sichergestellt werden. Entsprechend liegen die höchsten Risiken in den Vorarbeiten, etwa bei Abflusslenkung, Reinigung, Klebeflächenvorbereitung und Grundwasservorabdichtung.
Den Blick auf einen weiteren wichtigen Baustein der Sanierung lenkte Markus Dohmann vom Tiefbauamt Backnang mit seinem Vortrag „Die Sanierung von Schachtgerinnen – Lösungsmöglichkeiten und Umsetzung“. Seine Beispiele zeigten, dass sich Qualität auch hier nicht allein an der Wahl des Materials entscheidet. Ebenso wichtig sind eine hydraulisch geeignete Ausbildung, die Eignung für Betrieb und Unterhaltung sowie eine fachgerechte Verarbeitung. Die vorgestellten Lösungen reichten von Kanalklinkern und Polymerbeton bis zu GFK sowie PE- und PP-Segmenten.
Erfolgreiche Zusammenarbeit und Dokumentation

Das richtige Maß für die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Auftraggeber, Ingenieurbüro und ausführender Firma griff Hendrik Klar, M.Eng., von der ISAS GmbH auf. Sein Grundsatz „Fordern, was bewertbar ist – umsetzen, was leistbar ist“ zielt auf gezielte Nachweise, frühe Bewertung von Abweichungen und rechtzeitige Abstimmung. Digitale Werkzeuge können dabei unterstützen, ersetzen aber nicht die Kommunikation zwischen den Beteiligten.
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Die anschließende Podiumsdiskussion richtete den Fokus auf die gemeinsame Verantwortung für funktionierende Dokumentation. „Unvollständige Ausgangsunterlagen und sehr unterschiedliche Vorgaben für Berichte, Fotos, Videos oder Dateinamen schaffen für bauausführende Unternehmen große Probleme“, so ein wesentlicher Aspekt der Diskussion. Entsprechend wurde über stärker vereinheitlichte Strukturen diskutiert. Voraussetzung dafür seien jedoch verlässliche und klar definierte Grundlagen, die der Auftraggeber zu Projektbeginn bereitstellt.
„Die beiden Tage haben sehr deutlich gezeigt, wie viele Faktoren über den Erfolg einer Sanierungsmaßnahme entscheiden. Das beginnt bei belastbaren Planungsgrundlagen und der richtigen Verfahrenswahl, reicht über Material, Vorarbeiten und Ausführung bis zu Qualitätssicherung, Dokumentation und Betrieb. Besonders zielführend war es, dass wir viele Fragen in diesem Jahr noch enger auf Basis realer Projekte diskutiert haben und die Erfahrungen von Netzbetreibern, Planern, Ausführenden und Herstellern übereinanderlegen konnten“, so Hippes Fazit nach zwei erfolgreichen Veranstaltungstagen. Was von den beiden spannenden Networking-Tagen damit bleibt, sind viele Impulse für erfolgreiche Sanierungsmaßnahmen.

Quelle: TAH
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