Frauen in der HDD-Branche
Jung, weiblich, Drillerin und Führungskraft

Mit gerade einmal 25 Jahren leitet Marie Hartmann ihr eigenes Baustellenteam bei Bohlen & Doyen. Als zertifizierte Bohrgeräteführerin und Vorarbeiterin steuert sie nicht nur komplexe Horizontalbohranlagen, sondern behauptet sich jeden Tag erfolgreich in einer männerdominierten Branche. Im Interview spricht die junge über den Mut, als Frau neue Wege zu gehen – und verrät, warum ausgerechnet das offene Geständnis eines Fremdfirmen-Kollegen kürzlich für eine echte Überraschung sorgte.
B_I umweltbau: Frau Hartmann, Sie sind Vorarbeiterin und Geräteführerin bei Bohlen & Doyen. Mit 25 Jahren sind Sie eine sehr junge Frau, und in der Branche ist das heute immer noch relativ ungewöhnlich. Würden Sie einmal kurz erläutern: Was fasziniert Sie an Ihrer Arbeit und der Branche?

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Marie Hartmann: An meiner Arbeit und an meiner Branche liebe ich, dass wir viel draußen sind und nicht in einem Büro gefesselt. Ich mag die Freiheit und die Abwechslung in dem Beruf. Jede Bohrung ist anders. Jeder Ablauf, jede Baustelle ist anders. Es ist also sehr viel Abwechslung drin.
B_I umweltbau: Und speziell bei Ihrer jetzigen Tätigkeit, auch in Bezug auf die Führungsposition?
Hartmann: Ich mag die Teamarbeit sehr gerne. Wenn man ein vernünftiges Team hat, das gut zusammenarbeitet, macht das sehr viel Spaß – besonders, wenn die Kollegen mitdenken und einen unterstützen. Ich sage ja immer: Das Team ist das A und O. Ich denke, das macht letztendlich eine gute Vorarbeiterin oder eine gute Führungskraft aus, dass man gute Mitarbeitende hat.
Vom Schreibtisch auf die Baustelle: Ein ungewöhnlicher Karriereweg
B_I umweltbau: Wie war Ihr Weg dorthin und welche Hürden mussten Sie nehmen, die ein Mann vielleicht nicht hätte nehmen müssen?
Marie Hartmann: Ich fange mal ein bisschen weiter vorne bei der Ausbildung an. Es war anfangs ein bisschen schwierig, meinen Eltern zu vermitteln, dass ich einen als männlich verstandenen Beruf ergreifen möchte. Sie wollten mich wohl davor schützen, in diese Männerbranche reinzugehen. Ich habe dann aber bei Bohlen & Doyen Industriemechanikerin gelernt.
Ich muss dazu sagen, dass ich früher sehr schüchtern war. Aber ich konnte mich hier sehr gut weiterentwickeln. Denn bei uns in der Firma wird man auch als Frau total akzeptiert. Von vornherein wurden keine Unterschiede gemacht. Man wird als Person sehr berücksichtigt, aber auch nicht sonderlich anders behandelt.
B_I umweltbau: Das klingt nach einem guten Klima in Ihrer Firma. Wie ging es weiter?
Hartmann: Ich fand es immer so interessant, in der Werkstatt die Horizontalbohranlagen zu reparieren. Man sieht in der Werkstatt eine Maschine, aber man weiß ja gar nicht, wie die arbeitet, was da draußen passiert. Ich konnte dann direkt nach meiner Ausbildung in die Abteilung HDD-Bohrtechnik wechseln.
Der Rest hat sich nach und nach entwickelt, von Hilfsarbeiten bis hin zum Lkw-Führerschein – was eigentlich immer mein Traum war. Irgendwann wurde ich gefragt, ob ich nicht auch auf eine Anlage möchte, weil ich daran immer so großes Interesse gezeigt hatte.
Wir hatten gerade einen Recycler bekommen, an dem ich sehr viel gearbeitet habe. Kurz darauf wurde ich Maschinistin, und vor einem Jahr habe ich meinen Vorarbeiter gemacht. Jetzt bin ich offiziell Vorarbeiterin eines eigenen Teams.
Das Problem ist, dass sich viele einfach nicht trauen. Ich finde, die Zusammenarbeit und das Verhältnis im gemischten Team sind einfach topp.
– Marie Hartmann, Vorarbeiterin und Geräteführerin bei Bohlen & Doyen
B_I umweltbau: Wie war das so im Zeitverlauf? Das muss ja alles recht schnell gegangen sein.
Hartmann: Im Winter 2021 habe ich meine Ausbildung beendet. Ein halbes Jahr später war ich tatsächlich schon auf der Horizontalbohranlage. Ein weiteres Vierteljahr später haben wir den Recycler bekommen. Den habe ich ein Dreivierteljahr bedient und nebenbei den Lkw-Führerschein gemacht. Anfang 2025 habe ich meinen Vorarbeiter gemacht und den Lehrgang zur zertifizierten Geräteführerin A bestanden. Den Geräteführer B werde ich demnächst auch noch machen.
Vorurteile abbauen: Moderne Maschinentechnik statt Muskelkraft
B_I umweltbau: Noch mal kurz zurück zu eventuellen Hürden: Glauben Sie, ein Mann hätte diesen Weg genauso gehen können, oder hätte er das vielleicht sogar schneller geschafft?
Hartmann: Schneller würde ich gar nicht unbedingt behaupten. Das liegt eher an der persönlichen Entwicklung – wie man sich zeigt und wo die eigenen Interessen liegen. Wir haben schon viele Leute kommen und gehen sehen. Das passiert in dieser Branche leider sehr schnell, weil man viel Ausdauer braucht. Es ist harte Arbeit. Man ist viel von zu Hause weg und hat oft nicht viel von Familie und Freunden. Wer das nicht kann, bleibt nicht lange. Das hängt nicht vom Geschlecht ab.
B_I umweltbau: Sind manche Wege für einen Mann einfach deshalb leichter, weil er eben ein Mann ist?
Hartmann: Ich glaube, das kommt stark darauf an, in welcher Firma man landet. Die Schwierigkeiten für Frauen liegen vielleicht am ehesten in der körperlichen Arbeit. Aber mit dem Kopf kann jeder arbeiten. Unseren Körper müssen wir außerdem heutzutage gar nicht mehr so extrem einsetzen, weil wir Maschinen haben, die uns die schwere körperliche Arbeit abnehmen.
Klar, es kommt schon hin und wieder vor, dass zum Beispiel eine schwere Stange gehoben werden muss. Aber die muss ich ja nicht allein heben, das machen wir dann eben zu zweit. Männer machen das untereinander übrigens ganz genauso.
Neue Perspektiven: Warum die Branche weibliche Vorbilder braucht
B_I umweltbau: Was müssen Frauen mitbringen, die in diese Branche wollen?
Hartmann: Auf jeden Fall Interesse an Maschinen und Technik. Außerdem sollte man gerne im Team arbeiten und auch kein Problem damit haben, mit Männern zusammenzuarbeiten, da die Branche immer noch sehr männlich dominiert ist. Aber das Wichtigste ist wirklich, dass man sich gut in technische Abläufe hineinversetzen kann.
Allerdings würde ich schon sagen, dass man sich als Frau mehr durchsetzen können muss. Man muss zeigen, dass man wirklich will. Sonst heißt es schnell: „Ach, die will jetzt einen Sonderbonus.“
Auf der anderen Seite kam kürzlich jemand von einer Partnerfirma auf mich zu und sagte wortwörtlich: „Wir brauchen mehr Frauen in der Branche!“ Er sagte, dass der weibliche Führungsstil ein ganz anderer ist und dass die Firmen mehr davon bräuchten. Er hat sofort gemerkt, dass das Verhältnis innerhalb der Teams aus Männern und Frauen ein völlig anderes ist. Dass diese Rückmeldung von ihm selbst kam, hat mir wirklich ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.

B_I umweltbau: Ich habe in einem LinkedIn-Post gelesen, dass Ihr Motto lautet: „Frauen in Führungspositionen auf der Baustelle? Absolut möglich und davon brauchen wir noch mehr“.
Hartmann: Absolut. Ich bin generell der Meinung, dass viel mehr Frauen auf der Baustelle arbeiten sollten. Das Problem ist, dass sich viele einfach nicht trauen. Ich finde, die Zusammenarbeit und das Verhältnis im gemischten Team sind einfach topp.
B_I umweltbau: Da haben die Unternehmen natürlich eine Schlüsselrolle, indem sie ganz proaktiv ins Recruiting von Frauen gehen könnten.
Hartmann: Genau, allein schon durch gezielte Werbung. Auch Bohlen & Doyen hat gezielt Beiträge über uns Frauen über Social Media veröffentlicht, was sicherlich einige motiviert.
Ich spüre die Thematik aber auch direkt auf den Baustellen. Da kommen Väter auf mich zu und fragen, ob ihre Töchter mal vorbeigucken dürfen. Erst kürzlich hatte ich über diesen Weg ein Gespräch mit einer Interessentin. Sie würde sogar eine neue Ausbildung anfangen, um das Technische zu lernen. Man fungiert also direkt auf der Baustelle als Vorbild.
B_I umweltbau: Sie standen bei den letzten DCA Spring Talks in Aachen auf Einladung der Gruppe „Women empowering HDD“ (We-HDD) als Speakerin auf der Bühne. Damit haben Sie viele Leute erreicht. Welchen Wert hat das, mit Ihrer Geschichte so in die Öffentlichkeit zu gehen?
Hartmann: Mir selbst ist oft gar nicht bewusst, wie viel das wert ist. Aber im Nachhinein denke ich schon, dass es sehr wichtig ist. Allein schon, um Frauen bewusst zu machen, dass man keine Angst davor haben muss, auf der Baustelle zu arbeiten. Sie sollen sich einfach trauen. Es ist wichtig, als Vorbild zu zeigen, dass es in dieser sogenannten Männerwelt trotzdem funktioniert.
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