Zwischen Starkregen, Sanierung und neuen Regeln
Die 26. Göttinger Abwassertage waren ausgebucht. „Aus der Praxis für die Praxis“ lautete wie immer das Motto – und genau das wurde an zwei Veranstaltungstagen eingelöst. Mehr als 250 Teilnehmer diskutierten in Göttingen darüber, wie sich Abwasserwirtschaft zwischen Klimawandel, Sanierungsdruck und neuen rechtlichen Anforderungen neu aufstellen muss.


Wie sich Klimaanpassung technisch konkretisieren lässt, zeigte unter anderem ein Beispiel aus Goslar. Dort wurde ein KI-gestütztes Hochwasserwarnsystem aufgebaut, das mit mehr als 150.000 Datenpunkten trainiert wurde und Prognosen mehrere Stunden im Voraus ermöglicht. Das Projekt, ausgezeichnet mit dem Niedersächsischen Klimapreis, ist kein isoliertes IT-Projekt, sondern eingebettet in ein umfassendes Maßnahmenpaket aus Alarmierung, Rückhaltebecken und Sicherung natürlicher Abflussbahnen. Digitalisierung wird hier als Werkzeug verstanden, um Entscheidungsprozesse im Ereignisfall robuster zu machen.
Zusätzlich wurde deutlich, dass Prävention viel früher beginnt – nämlich in der Planung. Am Beispiel eines Neubaugebiets in Leopoldshöhe zeigte Birgit Niekamp von der dortigen Gemeindeverwaltung, wie Entwässerung bereits im Bebauungsplan mitgedacht werden kann. Baumrigolen in den Straßen, dezentrale Rückhaltung und Versickerung sind dort integraler Bestandteil des Konzepts. Niederschlagswasser wird nicht mehr als Problem betrachtet, sondern als gestaltbares Element der Stadtentwicklung.
Klimaanpassung und Niederschlagswasserbewirtschaftung
Agnieszka Speicher vom Landesamt für Natur, Umwelt und Klima NRW ordnete diese Entwicklung in größere Zusammenhänge ein. Der Flächenverbrauch nehme weiter zu, versiegelte Flächen wüchsen stetig – allein in Nordrhein-Westfalen um mehrere Hektar täglich. Gleichzeitig rücke blau-grüne Infrastruktur stärker in den Fokus, nicht zuletzt durch regulatorische Vorgaben wie die europäische Kommunalabwasserrichtlinie. Dezentrale Niederschlagswasserbehandlung werde zunehmend zur Alternative gegenüber rein zentralen Lösungen.

Prof. Dr.-Ing. Mathias Kaiser von der TU Dortmund griff diesen Gedanken technisch auf und erläuterte die neuen Anforderungen an Versickerungsanlagen nach DWA-A 138-1. Die Überprüfung der Versickerungsfähigkeit und die fachgerechte Bemessung gewinnen an Bedeutung – nicht als formale Pflichtübung, sondern als Grundlage belastbarer Planung.
Digitalisierung und Starkregenberatung in der Praxis
Dass Anpassung nicht nur auf Papier stattfindet, zeigte Dennis Ott-Koch von den Göttinger Entsorgungsbetrieben mit einem Rückblick auf drei Jahre Starkregenberatung. Das Angebot werde von den Anwohnern in Göttingen vermehrt angenommen, gerade unmittelbar nach Starkregenereignissen. Die Beratung zu Starkregenvorsorge auf privaten Grundstücken soll deshalb in Göttingen weiter aufgebaut werden.
Jens Wurthmann von Hansewasser Bremen stellte digitale Instrumente in der Starkregenvorsorge vor – von der digitalen Akte bis zu Serviceportalen mit Dokumentengenerator. Digitalisierung in der Starkregenberatung sei kein Projekt mit Enddatum, sondern „ein Marathon“.
Strategische Kanalsanierung statt Reparaturmodus
Ein weiteres Highlight war der Praxisbericht aus Duisburg. Nadine Krogull von den Wirtschaftsbetrieben Duisburg beschrieb den Weg „von der Not zur Strategie“ in der Kanalsanierung. Über Jahre habe der Zustand stagniert. Die Konsequenz: Ab jetzt soll der Fokus in Duisburg für zwölf Jahre auf Bestandssanierung in geschlossener Bauweise, automatisierter Bedarfsermittlung, netzweiter Priorisierung und intensivem Wissenstransfer zwischen Planung und Bau liegen. Ziel ist eine planbare, strukturierte Sanierungsstrategie statt permanenter Ad-hoc-Reparaturen.

Auch Martin Liebscher vom IKT machte deutlich, dass technische Lösungen allein nicht ausreichen. Bei der Sanierung von Anschlussleitungen seien alte, nicht genormte Bauteile weiterhin ein Problem. Nach 20 Jahren Forschung und Warentests zeige sich vor allem eines: Die Ausführungsqualität ist das entscheidende Kriterium. Qualität entscheidet sich auf der Baustelle.
Vergabe, Qualitätssicherung und rechtliche Verantwortung
Die Diskussion um Qualität setzte sich bei der Vergabe von Ingenieurleistungen fort. Michael Hippe vom Verband zertifizierter Sanierungs-Berater (VSB) verwies darauf, dass Ausschreibungen häufig stark am günstigsten Preis orientiert seien, obwohl es zahlreiche andere Bewertungskriterien gebe. Gerade in der Kanalsanierung könne eine einseitige Preisorientierung langfristig teuer werden.

Henrik Giehler vom Güteschutz Kanalbau betonte, dass Regelwerke nicht den Anspruch hätten, das Denken zu ersetzen. Innovative Lösungen seien trotz Normen möglich – entscheidend sei das fachliche Verständnis. Qualitätssicherung sei kein bürokratischer Selbstzweck, sondern Voraussetzung für nachhaltige Infrastruktur.
Prof. Dr. Till Elgeti skizzierte ergänzend die Umsetzung der Kommunalabwasserrichtlinie in deutsches Recht. Sein Fazit: „Wir haben mehrere Generationen gebraucht, um die Gewässer so kaputt zu machen, wie sie sind – und wir werden mehrere Generationen brauchen, um sie wieder heil zu machen.“
Praxisimpulse und Austausch auf Augenhöhe
Zwischen den Vortragsblöcken sorgten die Speed-Dating-Runden der Aussteller für zusätzliche Dynamik. In kompakten Präsentationen stellten Unternehmen neue Produkte, Materialien und digitale Werkzeuge vor. Gerade dieser Wechsel zwischen strategischer Diskussion und konkreter Anwendung machte den Reiz der Veranstaltung aus.
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Die Göttinger Abwassertage 2026 machten insgesamt deutlich: Die kommunale Abwasserwirtschaft steht vor einer Daueraufgabe. Klimaanpassung, Sanierungsprogramme, rechtliche Anforderungen und Qualitätssicherung greifen ineinander. Gefragt sind langfristige Strategien statt kurzfristiger Reaktionen – und der Wille, Technik, Organisation und Kommunikation konsequent zusammenzudenken.
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