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Reststyrolgehalt: Auf der Suche nach dem passenden Grenzwert (Teil II)

Neben mechanisch-physikalischen PrĂŒfungen an Schlauchlinerproben, gilt die Reststyrolanalytik als chemischer Vernetzungsnachweis, und gewinnt im Bereich der QualitĂ€tssicherung zunehmend an Relevanz. Unterschiedliche Glas- und damit einhergehend Harzanteile in GFK-Linern bewirken jedoch eine verzerrte Bewertungsgrundlage. Dieser Fachartikel zeigt die Auswirkungen des variierenden Harzanteiles auf den Reststyrolgehalt, und soll damit zu einem tieferen VerstĂ€ndnis dieser komplexen Thematik fĂŒhren.

Reststyrol in Schlauchlinern: Einfluss von Harzanteil auf Grenzwerte
Abbildung 1: Schematische Darstellung der chemischen Vernetzung von UP-/VE-Copolymer und Styrol | Foto: SBKS
Styrol dient in vor Ort hĂ€rtenden Schlauchlinern mit ungesĂ€ttigten Polyester- (UP) sowie Vinylesterharzen (VE) als niedrigviskoser ReaktivverdĂŒnner und quervernetzendes MolekĂŒl. Quervernetzung bedeutet, dass diese reaktive Spezies sich bei Polymerisation (AushĂ€rtung) mit den langkettigen, ungesĂ€ttigten Polyester- bzw. Vinylester-Copolymeren, sowie mit sich selbst, eine chemische Bindung eingeht. Das Harzgemisch wird dabei vom flĂŒssigen in den festen Zustand ĂŒberfĂŒhrt und erlangt dadurch seine definierten Endeigenschaften. Geschieht dieser Prozess unzureichend, spricht man von einer unvollstĂ€ndigen Vernetzung (siehe Abbildung 1). Dies kann eine Minderung der Kurz- und Langzeit-Materialeigenschaften, wie auch der Medienresistenz, zur Folge haben.

Nun stellt sich die Frage, ab welchem Reststyrolanteil von einer unzureichenden Polymerisation mit negativen Auswirkungen auf Werkstoffeigenschaften zu sprechen ist. Lange wurde an einem maximalen Reststyrolgehalt von 4 % bezogen auf das gesamte Laminat festgehalten. Seit geraumer Zeit wurden die Anforderungen seitens diverser Auftraggeber, wie auch durch das DIBt, auf 2 % bezogen auf das gesamte Laminat gesenkt.

Die Quantifizierung monomeren Styrols ist normiert und wird gemĂ€ĂŸ DIN 53394-2 oder ISO 4901 durchgefĂŒhrt. In beiden FĂ€llen erfolgt die laborseitige Probenahme ĂŒber den gesamten Laminatquerschnitt. Details zur Messmethodik werden hier ĂŒbersprungen, da sie in der Vergangenheit nĂ€her beschrieben wurden (siehe [1]).

Aufbau von GFK-Linern

Der Aufbau glasfaserverstĂ€rkter Kunststoffe (GFK) Ă€hnelt sich grundsĂ€tzlich. Glasfasern werden von einer Kunststoffmatrix eingebettet, hier styrolhaltige UP- oder VE-Harze. Die Matrix dient der Ableitung extern anfallender Lasten auf die verstĂ€rkend wirkende (ECR-)Glasfaser, wie auch dem Schutz dieser vor UmgebungseinflĂŒssen. Diverse Parameter, wie unter anderem Ausrichtung, Anordnung, Faserondulation oder Faservolumengehalt der hochmoduligen Glasfasern, wie auch die Faser/Matrix-Haftung, entscheiden ĂŒber die mechanische LeistungsfĂ€higkeit dieser Werkstoffklasse.

Die unterschiedlichen Parametervariationen fĂŒhren herstellerĂŒbergreifend zu variierenden Glas- und damit auch Harzanteilen. Im Rahmen der allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassungen (abZ) sind die Glasanteile produktspezifisch festgeschrieben. Abbildung 1 zeigt die Unterschiede markttypischer GFK-Liner auf.

Abbildung 2: Glasanteil mit Toleranzen verschiedener GFK-Liner (Datenquelle: abZ) | Foto: SBKS
Abbildung 2: Glasanteil mit Toleranzen verschiedener GFK-Liner (Datenquelle: abZ) | Foto: SBKS

Schwankender Harzanteil in Schlauchlinerproben

Abgesehen von den variierenden Harzanteilen der Systeme, kann der Reststyrolgehalt an Schlauchliner-Baustellenproben aus zwei weiteren GrĂŒnden schwanken – trotz handbuchkonformen Einbaus:

  1. Der massenbezogene Styrolgehalt im eingesetzten Harz ist fĂŒr allgemein bauaufsichtlich zugelassene Schlauchlinersysteme normativ definiert, die maximalen Styrolanteile sind Tabelle 1 zu entnehmen. Aufgrund anzunehmend fehlender Kontrollen des Styrolgehaltes im Harz vor der Produktion, ist schon initial von einer unkontrollierten Schwankungsbreite auszugehen.
  2. Baustellenproben bilden in den seltensten FĂ€llen eine „Punktlandung“ hinsichtlich des produktseitig definierten Glas-/Harz-VerhĂ€ltnisses ab (vgl. Abbildung 1). Dabei können Lagerbedingungen und Kalibrierprozess, wie aber auch die Probenahmestelle, große Auswirkungen auf das VerhĂ€ltnis haben. Dies muss nicht zwangslĂ€ufig zu einer Abweichung gegenĂŒber der abZ fĂŒhren, kann aber mehr oder minder starke Auswirkungen auf den Reststyrolgehalt bezogen auf die Gesamteinwaage mit sich bringen.

UP

VE

DIN 18820-1, Tabelle 1

≀ 50% (Gruppe 3)

≀ 50% (Gruppe 5)

DIN EN 13121-1, Tabelle 2

≀ 55% (Gruppe 4)

≀ 55%(Gruppe 7A)

Tabelle 1: Normativ definierter Styrolanteil in UP- und VE-Harzen

Dies fĂŒhrt zu der Notwendigkeit eines korrigierten Reststyrolkennwertes. Eine pauschale Beurteilung in Bezug auf die Gesamteinwaage, ergo das gesamte Laminat, ist verzerrend. Nur mittels eines Reststyrolgehaltes bezogen auf den Harzanteil kann ein objektiver Vergleich verschiedener Produkte hinsichtlich ihrer Vernetzung, unter gleichzeitiger Einbeziehung bauseitiger Effekte, getroffen werden.

Die Lösung ist dabei relativ naheliegend: ohne großen Mehraufwand lĂ€sst sich der Harzgehalt im Kalzinierungsverfahren (DIN EN ISO 1172) bestimmen, und ĂŒber Formel 1 ein harzbezogener Reststyrolgehalt berechnen.

Formel 1 | Foto: SBKS
Formel 1 | Foto: SBKS

Einfluss unterschiedlicher Harzanteile auf dem Reststyrolgehalt

Über vorgenannte Formel lassen sich die ĂŒbergeordneten Anforderungen von 2 bzw. 4 % (bezogen auf das gesamte Laminat) in AbhĂ€ngigkeit des Harzanteiles umrechnen (vgl. Abbildung 2). Daraus ist ersichtlich, dass – absolut betrachtet – Proben mit <50 % Harzanteil mehr monomeres Styrol beinhalten „dĂŒrfen“ und Proben mit >50 % Harzanteil demnach weniger.

Abbildung 3: Berechneter harzbezogener Reststyrolgehalt | Foto: SBKS
Abbildung 3: Berechneter harzbezogener Reststyrolgehalt | Foto: SBKS

Rechnet man nun die zugelassenen Minima und Maxima der Linerprodukte (vgl. Abbildung 1) auf den Mittelwert (bezogen auf die Gesamteinwaaage) zurĂŒck, verdeutlicht dies die produktabhĂ€ngige Schwankungsbreite des Reststyrolgrenzwertes. Insbesondere das „Überschwingen“ konkretisiert die schwammige Bewertungsgrundlage mit starren, systemĂŒbergreifenden Vorgabewerten, ohne BerĂŒcksichtigung des (realen) Harzanteils einer Probe (siehe Abbildung 4).

Abbildung 4: RĂŒckgerechneter Reststyrolgehalt bez. auf die Gesamteinwaage, unter BerĂŒcksichtigung der Systemgrenzen des Glasgehaltes (Anm.: ohne PAA-G-Liner, da dieser keine ±-Toleranzen aufweist) | Foto: SBKS
Abbildung 4: RĂŒckgerechneter Reststyrolgehalt bez. auf die Gesamteinwaage, unter BerĂŒcksichtigung der Systemgrenzen des Glasgehaltes (Anm.: ohne PAA-G-Liner, da dieser keine ±-Toleranzen aufweist) | Foto: SBKS

Zusammenfassung

Nach aktuellem Stand wird der an Schlauchlinerproben normativ ermittelte Reststyrolgehalt mit starren Grenzwerten evaluiert. Eine Überschreitung dieser fĂŒhrt zu der Annahme einer unvollstĂ€ndigen Vernetzung, und womöglich zum Vertragsbruch zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer. Die AusfĂŒhrungen dieses Artikels zeigen, dass ein Schwarz-Weiß-Vergleich nicht angebracht ist. Die GrĂŒnde werden folgend stichpunktartig zusammengefasst:

  • Der initiale monomere Styrolgehalt (≀55 % im eingesetzten Harz) schwankt zwischen Herstellern sowie Produktionschargen, was direkte Auswirkung auf das finale Ergebnis mit sich bringen kann.
  • Der reale Harzgehalt einer Schlauchlinerprobe bestimmt den Reststyrolgehalt. Die aktuell fehlende Beachtung fĂŒhrt zu einer verzerrten Bewertungsgrundlage.
  • Eine systemĂŒbergreifende Anforderung an den Reststyrolgehalt ist aufgrund unterschiedlicher Glas-/Harz-VerhĂ€ltnisse und deren Toleranzen nicht anwendbar.

Fazit

Die qualitĂ€tssichernde Ermittlung des Reststyrolgehaltes an Schlauchlinerproben ist aus Werkstoff- wie auch UmweltgrĂŒnden (hier nicht thematisiert) unumgĂ€nglich. Die Nachweiskette sollte vorzugsweise bereits bei den Systemherstellern beginnen, welche den initialen Styrolgehalt chargenbasiert dokumentieren. Die Reststyrolanalytik an Schlauchlinerproben, unter Bezug auf die Gesamteinwaage und ohne Beachtung des realen Harzanteils, fĂŒhrt zu einer verzerrten Bewertungsgrundlage. Eine systemĂŒbergreifende Pauschalisierung wird daher als nicht zielfĂŒhrend erachtet. Die Einbeziehung des realen Harzanteils korrigiert dies und bietet die Möglichkeit einer objektiven Betrachtung.

Statistische Auswertungen zur Korrelation von Reststyrolgehalt sowie 24h-Kriechneigung (siehe [2]) gaben bereits erste Einblicke in die Auswirkungen des Reststyrolanteils auf mechanisch-physikalische Eigenschaften. Es fehlt jedoch an tiefergehender Empirik hinsichtlich eines maximal zu tolerierenden Reststyrolgehaltes – bestenfalls harzbezogen. Bis zu welchem Anteil werden weder mechanische Kurz- und Langzeitkennwerte, noch die Medienresistenz, negativ beeinflusst?

Literaturverweis

[1] M. Kopietz, „Reststyrolgehalt in Schlauchlinerproben – Messmethodik und Auswirkungen“, Vulkan-Verlag GmbH, Nr. 04-05 | 2023, Mai 2023, [Online].

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[2] M. Kopietz und M. Hoffmann, „Reststyrolgehalt in Schlauchlinerproben – auf der Suche nach dem passenden Grenzwert“, Vulkan-Verlag GmbH, Nr. 04-05 | 2024, [Online].


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