IKT-Strategiedialog
Stadtentwässerung unter Druck

Trockene und heiße Sommer verändern den Alltag von Stadtentwässerungen. Wo Niederschläge fehlen, nimmt die natürliche Spülwirkung im Kanalnetz ab. Ablagerungen wachsen, Abwasser bleibt länger im System und Geruchsprobleme können zunehmen. Gleichzeitig wird ausgerechnet das Wasser knapper, das Betriebe für zusätzliche Reinigungs- und Spüleinsätze benötigen. Das sind die Lösungsansätze aus dem IKT-Strategiedialog im KomNetAbwasser.
Wie kommunale Abwasserbetriebe mit diesen Entwicklungen umgehen, stand im Mittelpunkt des IKT-Strategiedialogs „Trockenheit und Hitze“. Am 20. August 2026 tauschten sich 30 Fachleute aus 18 Kommunen und Verbänden online über Schadensbilder, betriebliche Gegenmaßnahmen und langfristige Strategien aus. Die Veranstaltung fand im Rahmen des Kommunalen Netzwerks der Abwasserbetriebe – KomNetAbwasser statt.
Die Erfahrungen der Teilnehmenden zeigen: Trockenheit ist kein abstraktes Zukunftsthema mehr. In einer Kurzumfrage berichtete die Hälfte der Teilnehmenden bereits von konkreten sommerlichen Problemen, die unmittelbar mit Trockenheit und Hitze zusammenhängen.
Besonders betroffen sind Netzbereiche mit geringer Trockenwetterwasserführung, ungünstigen hydraulischen Verhältnissen oder langen Aufenthaltszeiten – etwa einzelne Misch- und Schmutzwasserkanäle, Druckentwässerungssysteme sowie Übergabe- und Endschächte. Dort können längere Aufenthaltszeiten und hohe Temperaturen Ablagerungen sowie Geruchsprobleme begünstigen. Unter anaeroben Bedingungen kann zudem verstärkt Schwefelwasserstoff entstehen.
Wassermanagement: Betriebswasser sichern und Ressourcen schonen
Trockenperioden wirken nicht nur im Kanalnetz. Auch Regenbecken und andere Anlagen können bei langen Standzeiten stärker durch Algenwachstum, Gerüche und Veränderungen der Wasserqualität belastet werden. Treffen hohe Temperaturen und geringe Wasserführung zusammen, können zudem empfindliche Gewässerabschnitte unter zusätzlichen Stress geraten.
Gerade in trockenen Phasen steigt der Bedarf an Wasser für Reinigung und Spülung. Gleichzeitig können Brunnen weniger leisten, Entnahmen eingeschränkt oder alternative Wasserquellen nicht kurzfristig verfügbar sein. Stadtentwässerungen müssen deshalb frühzeitig klären, welche Reserven bestehen und wie sich Trinkwasser durch Betriebs-, Brauch- oder aufbereitetes Wasser ersetzen lässt.
Arbeitssicherheit: Hitzeschutz für das Betriebspersonal und technische Anlagen
Hohe Temperaturen belasten Beschäftigte im Außendienst und auf Anlagen. Arbeitszeiten, Pausen, Trinkwasserversorgung, Schattenplätze, UV-Schutz sowie klimatisierte Fahrzeuge und Aufenthaltsräume gewinnen an Bedeutung. Auch Fahrzeuge, elektrische Anlagen, Sensorik und weitere Betriebsmittel müssen für längere Hitzeperioden vorbereitet sei
Viele kurzfristige Maßnahmen sind bereits bekannt: Spülpläne anpassen, kritische Netzabschnitte häufiger kontrollieren, bei Geruch gezielt reagieren und Arbeitsabläufe flexibel organisieren. Der Strategiedialog machte zugleich deutlich, dass Trockenheit dauerhaft in Betriebsplanung, Ressourcenmanagement und Investitionsentscheidungen einfließen muss.
Fünf Handlungsfelder für die Praxis
Aus den Erfahrungen der Abwasserbetriebe und der fachlichen Einordnung des IKT lassen sich fünf zentrale Aufgaben ableiten:
- Hotspots kennen: kritische Netzabschnitte und Anlagen systematisch erfassen.
- Spülpläne und Reserven vorbereiten: Wasserbedarf, Bezugsquellen und Prioritäten festlegen.
- Hitzeschutz regeln: Beschäftigte, Fahrzeuge und technische Anlagen berücksichtigen.
- Sensorik und Frühwarnung nutzen: Belastungen früher erkennen und Maßnahmen gezielt auslösen.
- Wasser wiederverwenden: geeignete Betriebs- und Brauchwasserquellen erschließen.

Schwammstadt-Konzept: Blau-grüne Infrastruktur als langfristige Lösung
Hinzu kommen langfristige Ansätze: Wasser in der Stadt zurückhalten, blau-grüne Infrastruktur ausbauen und digitale Mess- und Steuerungssysteme stärker nutzen. Lösungen der Schwammstadt verbinden dabei Starkregen- und Trockenheitsvorsorge.
Der Strategiedialog ist mehr als eine einzelne Fachveranstaltung. Er zeigt, wie das KomNetAbwasser arbeitet: Abwasserbetriebe bringen aktuelle Fragen und Praxiserfahrungen ein. Das IKT ordnet die Themen fachlich ein, strukturiert den Austausch und entwickelt gemeinsam mit den Teilnehmern Ansatzpunkte für die weitere Bearbeitung.
Auf diese Weise werden Erfahrungen einzelner Kommunen für viele nutzbar. Offene Fragen können in weiteren Dialogen, kommunalen Hinweisen, Checklisten oder gemeinsamen Betreiberprojekten vertieft werden. So entsteht aus dem Austausch ein Arbeitsprogramm, das sich an den tatsächlichen Herausforderungen des Betriebs orientiert.
KomNetAbwasser: Mehr als 200 Abwasserbetriebe, ein gemeinsamer Wissenspool
Im KomNetAbwasser bündeln mehr als 200 kommunale Abwasserbetriebe ihre Erfahrungen und unterstützen sich gegenseitig. Das IKT organisiert und moderiert das Netzwerk als neutrales und unabhängiges Forschungs- und Prüfinstitut. Fachliche Beratung, Kommunale Hinweise, Betreiberprojekte, die wöchentliche Abwassersprechstunde und die Bildungsflat machen das gemeinsame Wissen für den Betriebsalltag nutzbar.
Das Beispiel Trockenheit und Hitze zeigt den Nutzen besonders deutlich: Stadtentwässerungen müssen neue Herausforderungen nicht isoliert lösen, sondern können auf Erfahrungen aus anderen Kommunen und die Fachkompetenz des IKT zurückgreifen.
Eine einzelne Maßnahme reicht nicht aus. Gefragt ist ein Bündel aus angepasstem Betrieb, Hitzeschutz, gesicherten Wasserreserven, systematischem Monitoring und langfristiger Ressourcenplanung. Wer kritische Punkte früh erkennt, kann auch unter trockeneren und heißeren Bedingungen handlungsfähig bleiben.
Mehr zum IKT-Strategiedialog im finden Sie hier.
Der Autor des Fachartikels ist Dr.-Ing. Serdar Ulutaş vom IKT – Institut für Unterirdische Infrastruktur.
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