HDD im Netzausbau
Sprung in die Königsklasse Großprojekt

Beim Bau der HGÜ-Stromtrassen SuedLink und SuedOstLink stoßen die mittelständischen Leitungsbauer Kuhlmann und Wähler (Seier Gruppe) aktuell in neue Dimensionen vor. Mit HDD-Großbohrtechnik bis 930 Meter Länge meistern sie extreme technische und logistische Herausforderungen für die deutsche Energiewende. Ein Einblick in die Praxis.
Der deutsche Netzausbau gewinnt an Dynamik. Mit den beiden zentralen ±525-kV-Trassen SuedLink und SuedOstLink entstehen derzeit die Hauptschlagadern der künftigen Energieinfrastruktur in Deutschland.
Für regional etablierte Leitungsbauunternehmen markieren diese Großprojekte der Übertragungsnetzbetreiber Tennet und 50Hertz den definitiven Einstieg in die oberste Leistungsklasse der HDD-Großbohrtechnik. Wie dieser Transformationsprozess im Detail gelingt, zeigt die operative Aufstellung der norddeutschen Leitungsbauer Kuhlmann Leitungsbau und Tief- und Rohrleitungsbau Wilhelm Wähler (beide Unternehmen der Seier Gruppe).
HDD-Bohrverfahren im Netzausbau: Technische Parameter bei SuedLink und SuedOstLink
Der Schritt vom Verteilnetz-Mittelbau in das Segment der kontinentalen Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungs-Trassen (HGÜ) verschiebt alle technischen Parameter im Horizontalbohren. Während Standardbohrungen sich meist im Rahmen von 100 bis 400 Metern bewegen und von Bohrgeräten der 10- bis 28-Tonnen-Klasse dominiert werden, fordern die aktuellen Abschnitte der beiden Stromtrassen Höchstwerte. Kuhlmann realisiert Bohrlängen von bis zu 600 Metern, während das Team von Wähler Bohrstrecken von bis zu 930 Metern bei Tiefenlagen von bis zu 26 Metern grabenlos bewältigt.
Diese veränderten mechanischen Lasten erforderten eine gezielte Erweiterung des Maschinenparks. Beide Unternehmen setzen im Hauptvortrieb auf die Großbohranlage Ditch Witch JT 120, die eine kontrollierte Zugkraft von 54 Tonnen bereitstellt. An komplexen Schlüsselstellen des SuedOstLinks greift Kuhlmann zudem auf die Unterstützung von 100-Tonnen-Großgeräten von Herrenknecht zurück.

Präzise Korrekturbefehle durch kabelgeführtes Wireline-Verfahren
Der verfahrenstechnische Ablauf gliedert sich standardmäßig in die Phasen der Pilotbohrung, der sukzessiven Aufweitung des Kanals und des finalen Einzugs der PE- oder Stahlleerrohre. Aufgrund der extremen Bohrlängen und Tiefen stößt das klassische, oberirdische Walk-Over-Ortungsverfahren hier jedoch an seine physikalischen Grenzen.
Um die geforderte Zentimeterpräzision im Untergrund zu garantieren, etablieren die beiden norddeutschen Unternehmen flächendeckend das kabelgeführte Wireline-Verfahren. Eine im Bohrkopf verbaute Messsonde überträgt Richtungs- und Neigungsdaten per Kabel direkt durch das rotierende Gestänge zum Vermesser, welcher Korrekturbefehle in Echtzeit an den Geräteführer übermittelt.
Trassenbau-Logistik: Modulare Wanderbaustellen im grabenlosen Leitungsbau
Eine schwierige Geologie verkompliziert den technischen Anspruch zusätzlich, wie das Beispiel der Saale-Querung für SuedOstLink demonstriert, wo das Unternehmen Kuhlmann im Einsatz ist. Das dortige Antreffen einer hochgradig instabilen Kiesschicht machte das sofortige Einbringen von Casings erforderlich. Diese temporären Stahlführungsrohre stabilisieren den Bohrkanal während des Vortriebs mechanisch, verhindern das Nachrutschen von Lockermaterial und sichern die Integrität des Bohrlochs bis zum finalen Rohreinzug.
Neben der reinen Maschinentechnik skaliert die logistische Komplexität linear mit der Anzahl der parallelen Arbeitsstellen. In Spitzenzeiten koordiniert Kuhlmann bis zu acht Bohranlagen gleichzeitig über fünf Trassenlose hinweg. Jede einzelne Lokation erfordert die synchrone Bereitstellung von Vermessungsteams, Schweißkolonnen sowie einer autarken Spülungsperipherie inklusive Bohrschlamm-Recycling.
Parameter | SuedLink (Auftraggeber: Tennet) | SuedOstLink (Auftraggeber: 50 Hertz) |
|---|---|---|
Ausführendes Unternehmen | Wilhelm Wähler GmbH & Co. KG (in Vierer-ARGE) | Kuhlmann Leitungsbau GmbH |
Maximale Bohrlänge | Bis zu 930 Meter | Bis zu 600 Meter |
Maximale Tiefenlage | Bis zu 26 Meter | Bis zu 26 Meter |
Umfang des Bauloses | 35 HDD-Bohrungen auf 43 km Leitungslänge | 5 Lose im Parallelbetrieb |
Maschinentechnik | Ditch Witch JT 120 (54 t Zugkraft) | Ditch Witch JT 120 (54 t), 100-t Herrenknecht-Anlage |
Ortungsverfahren | Wireline-Verfahren (kabelgeführt) | Wireline-Verfahren (kabelgeführt) |
Geologische Besonderheiten | Sensible Naturräume, hohe Tiefenprofile | Instabile Kiesschichten (u. a. Saale-Querung) |
Da weitreichende Umwelt-, Emissions- und Artenschutzauflagen die zeitgleiche Arbeit in benachbarten Sektoren oft rigide einschränken, operieren die Firmen nach dem Prinzip einer rollierenden Wanderbaustelle. Sämtliche Schweißcontainer und Bohranlagen sind modular aufgebaut, um nach der Fertigstellung eines Abschnitts unmittelbar und mit minimalen Auf- und Abrüstzeiten zum nächsten Sektor umgesetzt zu werden.
HGÜ-Großprojekte: Schnittstellenminimierung durch integrierte Arge-Strukturen
Der erfolgreiche Eintritt in das Großprojektgeschäft verlangte auch eine tiefgreifende organisatorische Transformation für die beiden Firmen der Seiler Gruppe. Während Wähler im Baulos 4 für die Trasse SuedLink zunächst als reiner Subunternehmer tätig war, agiert der Leitungsbau-Firma jetzt im aktuellen Hauptauftrag von Tennet als vollwertiger und gleichberechtigter Partner innerhalb einer Vierer-Arbeitsgemeinschaft (Arge).
Die Bündelung eines umfassenden Leistungsangebots direkt über den Mutterkonzern minimiert die typischen Schnittstellenverluste im stark getakteten Bauablauf erheblich. Die lückenlose Verzahnung von Projektleitung, Bauleitung, Schweißaufsicht und Backoffice ermöglicht es, den immensen Abstimmungsbedarf innerhalb der ARGE-Gremien effizient zu steuern und das vertraglich fixierte Timing verlässlich einzuhalten.
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Quelle: Seier Gruppe
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