Innenbegrünung
Neun-Meter-Baum aus Florida fürs Treppenhaus

Eine importierte Innenbegrünung gedeiht mit einheimischem Regenwasser. Doch wie kommt ein neun Meter hoher Baum aus Florida in ein bestehendes Gebäude im Allgäu? Und wie wird das unregelmäßig anfallende Niederschlagswasser vom Dach in gleichmäßiger Dosierung dem Baum im Treppenhaus zugeführt?

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Planung des Baum-Projektes
Während der Baumaßnahmen in den Jahren 2020 bis 2024 wurde ein spezieller Lebensraum vorbereitet für die „Seele des Hauses“, wie Architekt Martin Seelinger den immergrünen Solitärbaum im Treppenhaus hinter dem Haupteingang der Carderie nennt. Seine Planung hat den Pflanztrog im Erdgeschoss, den Deckendurchbruch darüber sowie die erforderliche Belichtung, Belüftung und Bewässerung des stattlichen Gehölzes mit neun Metern Höhe und vier Metern Kronendurchmesser von Anfang an berücksichtigt. Und Seelinger war auch dabei, als die Bauherrschaft das passende Exemplar 2022 in einem Gewächshaus nahe Rotterdam ausgewählt und reserviert hatte.
Neues Leben im ehemaligen Fabrikgebäude Carderie
Dr. Tobias Polifke hat mit der „Carderie“ eines der Fabrikgebäude erworben, für die die Stadt Wangen im Allgäu Investoren gesucht hatte, um den denkmalgeschützten Industrie-Ruinen einer ehemaligen Baumwollspinnerei und -weberei neues Leben einzuhauchen. Heute sind in diesem neuen Stadtteil durch behutsame Transformation der Industriearchitektur Gewerbe, Wohnen und Kultur gleichermaßen präsent. Im sanierten Gebäude befinden sich eine Anwalts- und Steuerkanzlei, eine Praxis für Osteopathie, eine Alten-Pflegeschule sowie ein ganztags geöffnetes französisches Bistro inklusive Backwaren-Manufaktur – und der Schwarze Olivenbaum im Treppenhaus.

Transport des Baums von Florida nach Europa
Transportiert und eingepflanzt wurde der empfindliche Baum aus Florida allerdings erst Ende 2025, als das Gebäude fertig, die Haustechnik in Betrieb und der erforderliche Standort im Treppenhaus mit allem „Komfort“ ausgestattet war. Denn Shady Lady, die schattenspendende Dame, so die Bezeichnung des holländischen Importeurs, würde eine weitere Stressphase nicht überstehen. Die erste gab es, wie immer nach einem Überseetransport dieser Art, bei der Ankunft in Europa. In einer Baumschule in den USA wurde der Schwarze Olivenbaum im Freiland und später im Containertopf auf die jeweilige Größe gezogen.
Die vierwöchige Schiffspassage, vermutlich im Jahr 2020, und die anschließende Umstellung auf mitteleuropäische Licht- und Klimaverhältnisse führten jedoch zwangsläufig zum Verlust der ansonsten immergrünen Belaubung. In einem hohen Glashaus in der Nähe von Rotterdam wurde der Baum dann wie seine Artgenossen behutsam und mit Fachwissen mindestens ein halbes Jahr lang auf unser Klima „konditioniert“. Die Zeitspanne ist auch als Quarantäne erforderlich zur anschließenden Freigabe der europäischen Zollbehörden im Hinblick auf Schädlingsbefall.
Warum exotisches Gewächs für Gebäude im Allgäu?
Vor diesem Hintergrund und den damit verbundenen Kosten steht die Frage im Raum, ob es hierzulande für die Begrünung innerhalb von Gebäuden solch exotischer Gewächse bedarf. „Ja“, ist die klare Antwort von Jens Boymann. „Einheimische Laubbäume sind das halbe Jahr kahl, insofern keine Zierde als Innenbegrünung, und sie vertragen ein immer gleiches Raumklima ohnehin nicht“. Boymanns Aufgabe war, sich um den Kauf des Baumes und dessen Transport von der Nordseeküste bis ins Alpenvorland zu kümmern. Der Preis für beides zusammen: 31.000 Euro (inklusive Mehrwertsteuer).
Er war mit seinem Team zusätzlich vor Ort für das Abladen und Versetzen des Baumes sowie die Installation der automatischen Tropfbewässerung. Das kostete weitere 15.500 Euro (inklusive Mehrwertsteuer). Externe Montagearbeiten an der Fassade sowie ein Autokran schlugen noch mit brutto 6.000 Euro zu Buche. Bei früheren Bauprojekten hatte Architekt Seelinger das Team von Boymann bereits in ähnlicher Weise beauftragt.
Pflanzenlicht für den Baum

Drei weitere Lichtquellen sitzen als Bodeneinbauleuchten im Substrat, nach oben gerichtet. Sie bringen mit jeweils LED zwölf Watt und 4.000 Kelvin (neutralweiß) den Baum als Teil des Treppenhauses zur Geltung, setzen die grüne „Seele des Hauses“ so in Szene, dass sie für Passanten von der Straße aus sichtbar ist, und beleuchten die in die räumliche Tiefe des nächsten Geschosses hinaufführenden Stufen. Die gesamte Beleuchtung des Baumes inklusive Montage hat 24.000 Euro brutto gekostet. Doch wegen der Stromkosten für das Licht müssen sich weder die Bauherrschaft noch die Mieter Gedanken machen.
Erzeugung und Nutzung regenerativer Energie
Seit Fertigstellung glänzt das renovierte ehemalige Fabrikgebäude als Vorzeigeprojekt im Sinne der Ökologie durch seinen Umgang mit Wasser und regenerativer Energie, vor Ort gesammelt beziehungsweise erzeugt. Zum Bewässern des Baumes und zum Spülen sämtlicher Toiletten wird Regenwasser genutzt. Für die Wärme im ganzen Haus, bei Bedarf für die Kühlung im Sommer, sorgen Geothermie-Sonden unter dem Gebäude in Kombination mit Wärmepumpen im Keller.
Der elektrische Strom, auch zur Verteilung der Bewässerungs-, Toilettenspül-, Wärme- und Kühl-Flüssigkeiten per Pumpentechnik, stammt von den Photovoltaik-Modulen auf dem Dach. Dort sind 650 Quadratmeter mit einer Leistung von 134,99 Kilowattpeak installiert, die einen jährlichen Ertrag von rund 140.000 Kilowattstunden liefern. Damit kann bilanziell, über den Allgemeinbedarf hinaus, die komplette Elektroinstallation aller Nutzer im Haus versorgt werden – und rechnerisch wie finanziell bleibt übers Jahr gesehen noch ein Überschuss durch Einspeisung von 20.000 bis 60.000 Kilowattstunden ins regionale Stromnetz.
Baum-Daten per Smartphone im Blick

Historie des Gebäudes
Das 1909 gebaute und 1913 erweiterte Fabrikgebäude fasziniert durch seine denkmalgeschützten Fassaden, getragen von massiven Außenwänden. Mit einem rechteckigen Grundriss verfügt es über ein Untergeschoss, ein Erd- und zwei Obergeschosse. Bei der Sanierung in den Jahren 2020 bis 2024 musste das innere Tragwerk aus Stahl erneuert werden, auch die Zwischendecken und das Dach. Damit ergaben sich neue Möglichkeiten zur Anpassung an eine Nutzungsqualität der Zukunft sowie für Erschließung und Haustechnik. Und das alles ohne neue Flächen in Anspruch zu nehmen, wie sonst beim Bauen „auf der grünen Wiese“.
Bewässerungsanlage für den Baum
Die automatische Bewässerungsanlage für den Baum und alle 40 Toiletten im Haus sind an ein separates Regenwassernetz angeschlossen. Auf dem Weg von der rund 1.600 Quadratmeter großen Sammelfläche auf dem Dach zum unterirdischen Regenspeicher werden Stoffe, die größer als 0,6 Millimeter sind, in einem unterirdischen Filterschacht zurückgehalten. So gereinigt füllt der auf das Gebäude treffende Niederschlag allmählich den Speicher.
Eine weitergehende Aufbereitung dieses „Himmelwassers“, wie es von unseren niederländischen Nachbarn genannt wird, ist für die hier praktizierte Verwendung nicht erforderlich. „Die kühlen und dunklen Behälter unter dem Vorplatz der Carderie bieten optimale Lagerbedingungen“, erläutert Thorsten Zahn, technischer Verkaufsberater des Herstellers Mall. Dort sind neben dem Filterschacht fünf miteinander verbundene Betonspeicher mit je 5,6 Kubikmetern Fassungsvermögen eingegraben. Diese „Mehrbehälteranlage“ fasst insgesamt 28 Kubikmeter. Da die Behälterabdeckungen der Klasse D 400 entsprechen, ist die Speicheranlage hoch belastbar, zum Beispiel durch Lkw und Feuerwehr-Einsatzfahrzeuge, und der Vorplatz vielseitig nutzbar.
Speichergröße per Online-Berechnung ermitteln

Bei maximalem Füllstand und weiter anhaltendem Regen geht der Überlauf des Speichers gedrosselt in den öffentlichen Kanal. Die Versickerung ist an diesem Ort leider nicht möglich. Die Speichergröße mit dem besten Preis-Leistungsverhältnis kann durch eine Online-Berechnung ermittelt werden. Die Regenzentrale, ein Schaltschrank im Technikraum des Untergeschosses, bekommt das gefilterte Regenwasser (im Fachjargon: Betriebswasser) automatisch von einer Unterwasserpumpe aus dem tiefergelegenen Speicher in ihren 20-Liter-Vorlagebehälter.
Und wenn der Regenspeicher leer ist?
Läuft die Bewässerung oder wird ein WC im verzweigten Verteilnetz gespült, sinkt in der Regenwasserleitung der Druck, auf den der Drucksensor in der Regenzentrale reagiert. Ist der voreingestellte Grenzwert unterschritten, fördert eine der beiden Kreiselpumpen im Wechselbetrieb aus dem Vorlagebehälter der Regenzentrale so lange Wasser nach, bis der voreingestellte Solldruck im Leitungssystem wieder aufgebaut ist. Bei Spitzenbedarf können beide Kreiselpumpen gleichzeitig laufen.
Ist der Regenspeicher leer, öffnet im Vorlagebehälter der Regenzentrale ein Magnetventil mit „freiem Auslauf“ und lässt periodisch kleine Mengen Trinkwasser zulaufen, bis die im Regenspeicher eingebaute Wasserstands-Sonde nach Niederschlägen wieder ausreichend Vorrat anzeigt. Das ist die in Deutschland mittlerweile übliche Anlagentechnik. Sie ist für Planer und Handwerker in Normen beschrieben, die als „allgemein anerkannte Regeln der Technik“ gelten.
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Autor Klaus W. König
Dipl.-Ing. Klaus W. König war 20 Jahre als Architekt selbstständig und ist heute Fachjournalist und Buchautor, speziell zur wasserorientierten Stadtplanung und zur energiesparenden Bautechnik. Er ist Gründungsmitglied des gemeinnützigen Bundesverbandes für Betriebs- und Regenwasser. (fbr).
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