Faseroptik und Drohnen
Wie das Leipziger Gewandhaus zum High-Tech-Schwamm wird

Rund um den Leipziger Augustusplatz staut sich im Sommer die Hitze. Das dicht bebaute Areal gilt als klimatischer Sanierungsbereich. Ausgerechnet auf dem denkmalgeschützten Dach des Gewandhauses erproben Ingenieure und Umweltforscher eine sichtbare Gegenmaßnahme: Ein artenreiches Biodiversitäts-Gründach verwandelt die Kulturikone in einen wasserspeichernden Schwammstadt-Baustein. Überwacht von Faseroptik-Sensoren im Substrat und Drohnen aus der Luft.

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Wer an das Gewandhaus zu Leipzig denkt, verbindet damit Musiktradition und die markante Architektur von 1981. Doch die stadtklimatische Ausgangslage am Augustusplatz ist herausfordernd: Die Stadtklimaanalyse stuft die Umgebung als klimatischen Sanierungsbereich mit ungünstigen bis sehr ungünstigen Belastungssituationen und hohen Hitzebelastungen ein. Bei Starkregenereignissen droht zudem eine Überlastung der städtischen Kanalisation.
Das Konzerthaus, das in den Vorjahren bereits Wärmerückgewinnung, Fenster, Fassaden und Beleuchtung energetisch saniert hatte, setzt nun auf dem Dach an. Das frühere Kiesdach wich einem innovativen Biodiversitäts-Gründach. Toni Schlesinger, Technischer Leiter des Gewandhauses, betont die Motivation: „Wir möchten über die Kultur hinaus zu einer lebenswerten Stadt beitragen. Deswegen haben wir dieses Gründach mit regionaltypischer Biodiversität realisiert, das sogar zu Forschungszwecken dient. Die Rahmenbedingungen dafür sind hier in Leipzig ideal.“
Klimaanpassung im Sanierungsbereich: Gebäudekühlung und Akustik-Vorteil
Das Gründach fungiert als thermisches Schutzschild. Durch die Verdunstungsleistung der Pflanzen verbessert sich das Mikroklima spürbar: Im Sommer schützt die Verdunstungskälte vor Überhitzung und entlastet die Klimatisierungskosten. Im Winter wirkt der Gründachaufbau als zusätzliche Dämmschicht, die den Wärmeverlust bremst und Heizkosten spart.
Ein funktionaler Nebeneffekt betrifft das Kernanliegen des Konzerthauses: Die aufgebrachte Substratschicht trägt dazu bei, Schallreflexionen im Gebäudeinneren des Gewandhauses messbar zu verringern.
Sensorik und Drohnen-Monitoring: HTWK Leipzig misst Feuchte im Substrat

Das Gewandhausdach dient als eines von vier Reallaboren der sächsischen Klimaforschung. Bevor die eigentliche Bepflanzung erfolgte, installierte die Forschungsgruppe „Sensorik und Monitoring“ des Instituts für Betonbau an der HTWK Leipzig unter Leitung von Dr. Martin Weisbrich ein etwa 150 Quadratmeter großes Versuchsfeld.
Eingebettet in das Substrat erfassen faseroptische Sensoren kontinuierlich die Temperatur- und Feuchteverteilung. Kombiniert wird diese Bodensensorik mit regelmäßigen Drohnenüberflügen samt Wärmebildkamera. Das Monitoring liefert entscheidende Frühwarnsignale: Droht Trockenstress, kann das Dach rechtzeitig und zielgerichtet genau dort bewässert werden, wo Feuchtigkeit fehlt – ein zentraler Erkenntnisgewinn für die Pflege und den dauerhaften Erhalt urbaner Gründächer in der Praxis.
Die gewonnenen Messdaten sind in Echtzeit verfügbar und für Besucher und Fachleute über einen QR-Code direkt vor Ort abrufbar.
Forschungsverbund ValiGrün: Blau-grüne Infrastruktur für die Schwammstadt
Das Projekt ist eingebettet in eine übergeordnete kommunale Strategie. Die Stadt Leipzig fördert Dach- und Fassadenbegrünungen sowie Entsiegelungen gezielt, um Ausgleichsflächen zu schaffen. Bereits vor Jahren gründeten das städtische Amt für Umweltschutz und das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) den „Leipziger Gründach Think Tank“, in dem Behörden, Wissenschaft, Gartenbau und Gründachhersteller zusammenarbeiten. Zudem kooperiert das Umweltamt im Lenkungskreis „Wassersensible Stadtentwicklung“ eng mit den Leipziger Wasserwerken und Hochschulen.
Die wissenschaftliche Federführung für die mikroklimatischen Untersuchungen liegt beim UFZ im Rahmen des Projekts „ValiGrün“, das durch den Sächsischen Landtag und die EU kofinanziert wird. Partner sind neben der HTWK Leipzig auch die TU Dresden und das Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS). Dr.-Ing. Lucie Moeller, Umweltbiotechnologin am UFZ, ordnet die Versuchsreihe ein: „Unsere Forschungs-Gründächer liefern im Feldversuch wichtige Erkenntnisse zur Funktion von Gründächern, ihrer Auswirkung auf das Gebäudeklima und die Umgebung, ihrer Wasserrückhaltung und zum Abbau von Schadstoffen durch die Bepflanzung.“
Biodiversitäts-Gründach: 2.765 Pflanzen statt Sedum-Monokultur

Ökologischer Mehrwert im GaLaBau entsteht dort, wo Begrünungen über standardisierte Sedum-Monokulturen hinausgehen. Für das Gewandhaus erarbeitete Dr. Peter Otto, Kurator des Herbariums der Universität Leipzig, einen an Standort und Lokalklima angepassten Bewuchs.
Insgesamt 2.765 regional kultivierte Klein- und Flachballenpflanzen aus neun Pflanzenfamilien wurden gesetzt – herangezogen unter anderem im Berufsbildungswerk Leipzig für Hör- und Sprachgeschädigte. Die Bepflanzung kombiniert die von der Stadt Leipzig entwickelte „Leipziger Gründachmischung“ (bestehend aus 20 insektenfreundlichen Kräutern und Steingartenarten) mit den ZinCo-Pflanzengemeinschaften „Steinrosenflur“ und „Bienenweide“.
Das Konzept sichert eine gestaffelte Blütezeit von Frühjahr bis Spätherbst:
- Frühling: Frühlings-Fingerkraut (Potentilla neumanniana) und Raues Veilchen (Viola hirta) ab März
- Sommer: Rundblättrige Glockenblume (Campanula rotundifolia), Färberkamille (Cota tinctoria) und Nickendes Leimkraut (Silene nutans)
- Herbst: Hohe Fetthenne (Sedum telephium)
Mit der begleitenden Praxisanleitung „Leipziger Gründächer pflegen, erhalten und optimieren“ dient das Objekt Bauherren als konkreter Leitfaden für artenreiche Gründächer.
Logistische Herausforderung: ZinCo-Systemaufbau bei laufendem Spielbetrieb
Die Sanierung des denkmalgeschützten Bestandsgebäudes oblag dem Leipziger Ingenieurbüro für Bauwerkserhaltung unter Leitung von Dipl.-Ing. Toralf Schmidt. Die beengten Zufahrten und minimalen Standflächen am Augustusplatz verlangten eine straffe Baustellenlogistik, da der Konzert- und Spielbetrieb des Gewandhauses uneingeschränkt weiterlief.
Nach Anbringen von Arbeitsschutzgeländern wurden Blitzschutzanlage und Beleuchtung demontiert. Die Firma Wagner aus Zwenkau saugte den alten Kies ab, woraufhin Dachabdichtung und Abläufe vollständig erneuert wurden. Anschließend führte Heidel Garten- und Landschaftsbau (Hartenstein) den ZinCo-Systemaufbau aus.
Auf die Wurzelschutzfolie WSF 40 und die Schutz- und Speichermatte SSM 45 folgten Drän- und Wasserspeicherelemente vom Typ Floradrain FD 25. Die Recycling-Polyolefin-Elemente speichern Niederschläge oberseitig in Mulden und leiten Überschusswasser unterseitig zu den Abläufen. Per Silozug wurden schließlich 60 Kubikmeter der Systemerde „Steinrosenflur“ auf das Dach geblasen. Kiesfangleisten trennen das Substrat von den Rand- und Technikbereichen. Um statische Grenzwerte einzuhalten, liegt die Substrathöhe überwiegend bei acht bis zehn Zentimetern; Anhügelungen bis 15 Zentimeter schaffen gezielte Wuchsräume für tiefere Wurzeln.
Die Öffentlichkeit wird über das Vorbildprojekt vor Ort über einen QR-Code zur Echtzeit-Sensorik sowie einen Informationsfilm im Gewandhaus informiert.
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Bautafel & Projektdaten Gewandhaus
Bereich / Funktion | Projektbeteiligte & Spezifikationen |
Bauwerk | Gewandhaus zu Leipzig, Augustusplatz (Baujahr 1981, denkmalgeschützt) |
Baubetreuung / Planung | Ingenieurbüro für Bauwerkserhaltung, Dipl.-Ing. Toralf Schmidt, Leipzig |
Ausführung Garten- und Landschaftsbau | Heidel Garten- und Landschaftsbau, Hartenstein |
Kiesabsaugung | Firma Wagner, Zwenkau |
Pflanzenproduktion | Regionale Gärtnereien, u. a. Berufsbildungswerk Leipzig für Hör- und Sprachgeschädigte |
Fachberatung Flora | Dr. Peter Otto, Kurator des Herbariums der Universität Leipzig |
Forschung & Wissenschaft | UFZ Leipzig (Leitung mikroklimatische Forschung / ValiGrün), HTWK Leipzig (Institut für Betonbau / Sensorik), TU Dresden, Leibniz-Institut TROPOS |
Sensorik & Monitoring | HTWK Leipzig (Dr. Martin Weisbrich): Faseroptische Messung (Feuchte/Temperatur), Drohnen-Thermografie |
Systemaufbau Gründach | ZinCo-Systemaufbau „Biodiversitäts-Gründach |
Systemkomponenten | Wurzelschutzfolie WSF 40, Schutz- und Speichermatte SSM 45, Dränage- und Retentivelemente Floradrain FD 25 |
Substrat & Schütthöhe | 60 m³ ZinCo-Systemerde „Steinrosenflur“, Schütthöhe 8–10 cm (Anhügelungen bis 15 cm) |
Vegetation & Saatgut | Leipziger Gründachmischung (20 Arten), ZinCo-Mischungen „Steinrosenflur“ und „Bienenweide“, 2.765 Klein- und Flachballenpflanzen |
Forschungsrahmen | Projekt „ValiGrün“ (kofinanziert durch Sächsischen Landtag und EU), Leipziger Gründach Think Tank |
Gründach Gewandhaus Leipzig: Sensorik kühlt Konzerthaus: Weitere Bilder

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