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B_Ibaumagazin

Wie Schleswig-Holstein seine Radwege zukunftsfest macht

Schleswig-Holstein versteht sich als Fahrradland – und das nicht nur touristisch. Mit der Radstrategie 2030 verfolgt das Land das Ziel, den Radverkehrsanteil deutlich zu steigern, die Verkehrssicherheit im Sinne der „Vision Zero“ zu verbessern und sich als eine der führenden Radreiseregionen Deutschlands zu positionieren.

Radwege sanieren in Schleswig-Holstein: Lösungen gegen Wurzelaufbrüche und Schäden
Zwischen Baumreihen und Knicks werden Wurzelaufbrüche für viele Radstrecken in Schleswig-Holstein zur baulichen Herausforderung. | Foto: Manfred Antranias Zimmer / Pixabay

Schon heute ist das Netz dicht: Ein Großteil der Bundes-, Landes- und Kreisstraßen ist mit Radwegen ausgestattet. Doch mit der Quantität wächst die Verantwortung für Qualität. Viele Anlagen entsprechen nicht mehr heutigen Standards, sind zu schmal oder schadhaft.

Ein besonders häufiges Schadensbild im Flächenland Schleswig-Holstein ist der Wurzeleinwuchs. Alte Baumreihen, Knicks und ortsbildprägende Bestände sorgen dafür, dass Wurzeln die Deckschichten anheben, Risse verursachen und Unebenheiten erzeugen. Die bislang maßgeblichen Regelwerke liefern hierfür keine spezifischen, dauerhaften Lösungen.

Interdisziplinäre Arbeitsgruppe: Vom Konflikt zur Vereinbarung

Vor diesem Hintergrund initiierte das zuständige Ministerium die Arbeitsgemeinschaft Wurzelaufbrüche. Mit am Tisch: LBV.SH, Umweltressorts, Verkehrsverbände, Naturschutzorganisationen und Interessenvertretungen wie ADFC, ADAC oder NABU.

2022 einigte sich die Runde auf eine Vereinbarung zum Umgang mit Wurzelaufbrüchen in Radwegen. Statt pauschaler Lösungen setzt sie bewusst auf einen differenzierten Maßnahmenkatalog, der örtliche Gegebenheiten, rechtliche Rahmenbedingungen und finanzielle Spielräume berücksichtigt.

Frank Bullerkist vom LBV.SH vor der Außenstelle in Kiel – der Landesbetrieb hat die neue Handlungsempfehlung herausgegeben. | Foto: LBV.SH
Frank Bullerkist vom LBV.SH vor der Außenstelle in Kiel – der Landesbetrieb hat die neue Handlungsempfehlung herausgegeben. | Foto: LBV.SH

Frank Bullerkist vom LBV.SH beschreibt den Ansatz im Interview so: Man habe gemerkt, dass Schleswig-Holstein „noch ein großes Thema Wurzelaufbrüche“ habe. Gerade weil zwischen Straße und Radweg häufig Bäume gepflanzt wurden, sei das Problem strukturell angelegt.

Pilotstrecken und Monitoring: Zwei Jahre Praxistest

Auf Basis der Vereinbarung wurde der LBV.SH beauftragt, Pilotprojekte umzusetzen und ein Monitoring aufzubauen. Der ADFC Schleswig-Holstein unterstützte bei Monitoring und Auswertung.

Über zwei Jahre hinweg wurden verschiedene Bauweisen unter realen Bedingungen erprobt und evaluiert. Acht Pilotstrecken mit unterschiedlichen Deckschichten, Techniken und Randbedingungen flossen in die Auswertung ein.

Parallel dazu wurden mehrere tausend Haushalte entlang ausgewählter Strecken angeschrieben, um die Nutzerperspektive einzubinden. Das Ergebnis: Asphalt bleibt aus Sicht der Befragten erste Wahl, Beton folgt auf Platz zwei. Wassergebundene Decken schneiden hinsichtlich Fahrkomfort und Winterdienst deutlich schlechter ab.

Von der Auswertung zur Handlungsempfehlung

Ursprünglich sollte nur ein umfangreicher Abschlussbericht entstehen. Doch während der Arbeit zeigte sich: Die Fülle an technischen Details ist für Planer im Alltag schwer zugänglich. „Einen langen Bericht zu lesen, ist vielleicht für den Anwender, der schnell zum Ziel gebracht werden will, nicht optimal“, schildert Bullerkist.

Die Lösung: eine eigenständige, kompakte Handlungsempfehlung – gewissermaßen das Konzentrat aus Monitoring, Technik und Praxis. Sie fasst die Ergebnisse als praxisorientierte Entscheidungshilfe zusammen und wird beim LBV.SH bereits in der Planung neuer Projekte berücksichtigt.

Wichtig war den Autoren die Begriffswahl. Man habe das Dokument bewusst „Handlungsempfehlung“ genannt, damit „keiner auf die Idee kommt, dass es eine Vorschrift ist“. Es gehe um Orientierung, nicht um Dogma.

Entscheidungshilfe statt Patentlösung

Kernstück ist eine grafische Entscheidungshilfe, die fünf grundsätzliche Wege zur Sanierung aufzeigt – von der Gradientenanhebung über Wurzelbrücken bis zur Baumfällung in Ausnahmefällen.

Wurzelbrücke aus Stahl schafft einen Hohlraum zwischen Tragkonstruktion und gewachsenem Boden | Foto: LBV.SH
Wurzelbrücke aus Stahl schafft einen Hohlraum zwischen Tragkonstruktion und gewachsenem Boden | Foto: LBV.SH

Gleichzeitig wird klar benannt, was nicht zielführend ist: Lokales Abfräsen und Vergießen, nachträgliche Wurzelsperren oder dränfähige Materialien gelten als nicht nachhaltig.

Bullerkist betont im Gespräch, dass es keine Standardlösung gebe. Jeder Abschnitt müsse einzeln betrachtet werden – inklusive Topografie, Leitungen, Baumbestand und Anforderungen des Winterdienstes. Auf 90 Prozent der Strecke könne Asphalt wirtschaftlich sinnvoll sein, an sensiblen Stellen aber seien spezielle Konstruktionen gefragt.

Technische Bandbreite: Von Wurzelbrücke bis Heidger-Methode

Die Broschüre stellt die Maßnahmen in übersichtlichen Steckbriefen vor – inklusive Vor- und Nachteilen, groben Kosten und Praxisbeispielen.

Eingebaute Geozellen stabilisieren den Untergrund und verteilen Lasten, ohne den Wurzelraum zu verdichten. | Foto: LBV.SH
Eingebaute Geozellen stabilisieren den Untergrund und verteilen Lasten, ohne den Wurzelraum zu verdichten. | Foto: LBV.SH

Zu den zentralen Instrumenten zählen:

  • Wurzelbrücken aus Beton oder Stahl, die den Wurzelraum überbauen und punktuell einsetzen lassen.
  • Lastverteilende Systeme wie Geozellen oder Bodengitter.
  • Ortbetondecken mit hoher Dauerhaftigkeit.
  • Die sogenannte Heidger-Methode, bei der eine luftführende Grobschotter-Tragschicht Wurzelwachstum unter der Deckschicht unattraktiv macht.

Gerade bei innovativen Lösungen gehe es darum, Erfahrungen zu bündeln. Im Interview berichtet Bullerkist, wie überrascht er war, „wie wenig die Metallwurzelbrücke bekannt war“. Die Broschüre verstehe sich deshalb auch als Wissenssammlung – als Überblick über das, was es an unterschiedlichen technischen Ansätzen gibt.

Für wen ist die Broschüre gedacht?

Die Handlungsempfehlung richtet sich ausdrücklich an Straßenbauverwaltungen, Kommunen, Planungsbüros und Forschungseinrichtungen. Sie soll als praxisnahe Orientierung dienen – nicht nur in Schleswig-Holstein, sondern bundesweit.

Lastverteilende Plattenkonstruktion als alternative Bauweise im sensiblen Wurzelbereich | Foto: LBV.SH
Lastverteilende Plattenkonstruktion als alternative Bauweise im sensiblen Wurzelbereich | Foto: LBV.SH

Bullerkist unterstreicht: Das Dokument sei „extra so gemacht, dass es für jeden nutzbar ist“. Gerade Kommunen, die touristische Netze ausbauen oder sanieren, könnten von den gesammelten Erfahrungen profitieren.

Zugleich ist die Veröffentlichung kein Endpunkt. Die Pilotstrecken werden weiter beobachtet, neue Varianten kommen hinzu. Die Broschüre hat „keinen Anspruch auf Vollständigkeit“, sondern soll wachsen und Rückmeldungen aufnehmen.

Mehr als Technik: Naturschutz und Baupraxis zusammendenken

Ein zentrales Leitmotiv zieht sich durch das gesamte Dokument: Radinfrastruktur und Baumschutz sind kein Widerspruch. Maßnahmen sollen sowohl die Verkehrssicherheit erhöhen als auch den Wurzelraum schonen.

Vorbereitung des Radwegunterbaus mit Trenn- und Schutzlage entlang einer bestehenden Allee | Foto: LBV.SH
Vorbereitung des Radwegunterbaus mit Trenn- und Schutzlage entlang einer bestehenden Allee | Foto: LBV.SH

Natürlich könne man sagen, „alle Bäume sollen einfach gefällt werden“. Aber das wolle niemand, so Bullerkist. Ziel sei ein gesundes Nebeneinander von Infrastruktur und gewachsenem Bestand.

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Mit der Handlungsempfehlung liegt nun erstmals ein systematisch aufbereiteter Werkzeugkasten vor, der dieses Nebeneinander praktisch ermöglicht – differenziert, praxisnah und offen für Weiterentwicklung. Für Planer und Bauherren bietet er damit genau das, was im Alltag oft fehlt: eine strukturierte Entscheidungsgrundlage zwischen Asphaltfräse und Baumkrone.


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