Baumaschinen-Antriebe
Liebherr sieht fehlende Infrastruktur als größte Hürde

Der Abschied vom Diesel am Bau scheitert nicht am Bagger, sondern an der Steckdose: Liebherr-Experten teilen die Skepsis von Prof. Frank Will. Philipp Suhm und Daniel Bachmann erläutern, warum eine Nullemissions-Baustelle ein völlig neues Infrastruktur-Denken erfordert.
In der Debatte um moderne Baumaschinen-Antriebe wird die Verantwortung oft einseitig bei den Herstellern gesucht. Für Liebherr greift diese Sichtweise zu kurz, wie Philipp Suhm (Head of Technology Coordination) und Daniel Bachmann (Geschäftsführer Liebherr Energy Solutions GmbH) erläutern. Sie teilen die Skepsis, die Baumaschinen-Experte Prof. Frank Will von der TU Dresden an einer "Antriebswende" geäußert hat, in weiten Teilen. Die entscheidenden Hürden jedoch lägen weniger in der technischen Umsetzbarkeit als vielmehr in den Kosten und der fehlenden Infrastruktur.
Elektrische Baumaschinen längst etabliert
Für Daniel Bachmann, Geschäftsführer der Liebherr Energy Solutions GmbH, ist der eigentliche Antriebsstrang das kleinste Problem. Leitungsgebundene, elektrisch angetriebene Maschinen seien in vielen Einsatzbereichen längst etabliert. Die wahre Komplexität entstehe erst beim Aufeinandertreffen der Maschinen auf eine kaum vorhandene Energieinfrastruktur. „Nullemissionsfähigkeit lässt sich nicht auf ein einzelnes Bauteil reduzieren – sie erfordert ein funktionierendes Gesamtsystem“, so Bachmann. Aktuell treffen Elektro-Baumaschinen oft noch auf Baustellen, die organisatorisch und logistisch vollständig auf Diesel-Strukturen ausgerichtet sind.
Liebherr verfolgt daher einen technologieoffenen Ansatz. Statt einer Universallösung setzt der Hersteller auf einen Mix aus Antrieben sowie Tank- und Ladeinfrastrukturen, die exakt zur jeweiligen Maschine und deren Einsatzumgebung passen müssen.
Keine „Gewinnertechnologie“ in Sicht
Philipp Suhm, Head of Technology Coordination, sieht Elektrifizierung, alternative Kraftstoffe wie HVO sowie wasserstoffbasierte und hybride Konzepte als komplementäre Bausteine für künftige Antriebstechnik. Die Entscheidung für ein System falle bei Liebherr „Maschine für Maschine“ entlang der Kriterien Emissionsminderung, technologische Reife und wirtschaftliche Tragfähigkeit.
Besonders im Off-Highway-Bereich mit langen Betriebszeiten und hohen Leistungsspitzen an oft abgelegenen Standorten sei diese Differenzierung zwingend. Für die Experten steht fest: Zuerst muss der Einsatzort und die dort verfügbare Energie verstanden werden – erst danach folgt die Wahl der passenden Technologie. Dabei müssen sich neue Lösungen über lange Lebensdauern unter realen Bedingungen bewähren, um für den Bauunternehmer wirtschaftlich rentabel zu sein.
Klare Emissionsziele, aber technologieoffen
Um den Umstieg vom Diesel zu beschleunigen, sieht Liebherr die Politik in der Pflicht. Drei Voraussetzungen seien zentral: Klare Emissionsziele ohne starre Technologiefestlegung, ein massiver Ausbau der Energieinfrastruktur – vor allem bei den Verteilnetzen – sowie langfristige Planungssicherheit.
Daniel Bachmann fordert zudem die Förderung temporärer Energieerzeugungs- und Speichersysteme sowie vereinfachte Genehmigungsverfahren für Baustellen-Infrastruktur. Für Philipp Suhm sind einheitliche Standards, etwa für CO₂-Berechnungen, eine Grundvoraussetzung für Investitionssicherheit: „Bei Maschinenlebenszyklen von 15 bis 30 Jahren sind verlässliche Rahmenbedingungen für die Bauwirtschaft keine Kür, sondern eine zwingende Basis.“
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