Sieben Sichtweisen auf die Sanierung von Abwassersystemen
Deutschlands Abwasserinfrastruktur steht vor einem doppelten Wandel: Viele Anlagen sind in die Jahre gekommen, zugleich steigen die technischen und gesetzlichen Anforderungen deutlich. Wie Betreiber ihre Abwassersysteme modernisieren, effizienter gestalten und auf neue Herausforderungen wie Klimawandel, neue Normen und Richtlinien sowie die Digitalisierung vorbereiten können, stand im Mittelpunkt des 15. OWL Abwassertags.

Die Veranstaltung fand bei Pentair Jung Pumpen in Steinhagen statt, wo Fachleute aus Recht, Industrie und Praxis aktuelle Rahmenbedingungen sowie innovative Produkte und Lösungen präsentierten.
KARL - die neue Europäische Kommunalabwasserrichtlinie
Daniela Deifuß-Kruse, Rechtsanwältin, Brandi Rechtsanwälte
Die neue Europäische Kommunalabwasserrichtlinie (KARL) verschärft und erweitert die Anforderungen an die kommunale Abwasserbehandlung. Zentral ist die stufenweise Einführung einer vierten Reinigungsstufe für Kläranlagen zur Elimination von Mikroschadstoffen. Verschärft werden auch Grenzwerte für Stickstoff und Phosphor, ergänzt um neue Vorgaben zu Energieeffizienz und Klimaneutralität bis 2045. Die Richtlinie verpflichtet darüber hinaus zu einem digitalen und erweiterten Monitoring (etwa Arzneimittelrückstände, endokrine Disruptoren) und führt umfassende Berichtspflichten ein. Neu ist auch die Einführung der Herstellerverantwortung (Extended Producer Responsibility) nach dem Verursacherprinzip, wonach Hersteller von Arzneimitteln und Kosmetikprodukten an den Kosten der Schadstoffelimination beteiligt werden sollen.
Die Mitgliedstaaten müssen die Vorgaben der KARL bis zum 31.7.2027 in nationales Recht umsetzen, für einzelne technische Pflichten gelten gestaffelte Übergangsfristen bis längstens 2045. Entsprechende Anpassungen sind im Wasserhaushaltsgesetz, der Abwasserverordnung und weiteren Fachgesetzen zu erwarten, wobei die konkrete Ausgestaltung der Produzentenverantwortung noch offen ist.
Moderne Sanierungskonzepte für Kleinpumpwerke
Christian Winter, Inhaber AbwasserService Winter
Mathias Grabbe, Produktmanager, Jung Pumpen GmbH
Die Sanierung von Kleinpumpwerken gewinnt zunehmend an Bedeutung. Nach Jahrzehnten im Einsatz sind die Einbauten in Abwasserschächten häufig durch Korrosion beschädigt, was deren Sanierung oder Neuausstattung notwendig macht.

Die Schächte selbst können häufig noch verwendet werden. Moderne Sanierungslösungen setzen daher auf den Erhalt des bestehenden Schachtes und den Austausch der korrodierten Schachteinbauten. Pentair Jung Pumpen bietet hierfür nachhaltige und effiziente Lösungen sowohl für Kunststoff- als auch Betonschächte an.
Schacht bleibt - Innenleben neu
Für die Sanierung von Schachteinbauten in Kunststoffschächten (z.B. PKS-Schächte von Jung Pumpen) sind passgenaue „Austauschsets“ erhältlich, die alte Rohrsysteme und Traversen vollständig ersetzen. Sie bestehen aus korrosionsbeständigen Materialien wie Edelstahl und glasfaserverstärkten Kunststoffen und können 1:1 gegen die bestehenden Einbauten ausgetauscht werden.

Der vorhandene Schacht kann im Erdreich verbeiben. Für die Sanierung von Schachteinbauten in Betonschächten wurden spezielle „Einbausets“ entwickelt. Sie erleichtern die Arbeit an der Baustelle erheblich. Alle Komponenten sind aufeinander abgestimmt und sind größtenteils werkseitig vormontiert oder liegen bei und können vor Ort verbunden werden. Über die Einbausets werden die Pumpen im Schacht mit der bauseitig vorhandenen Druckrohrleitung verbunden.
Optimierung bestehender Steuerungssysteme - Nutzung neuer IOT-Systeme
Kevin Emich, Produktmanager, Jung Pumpen GmbH
IoT (Internet of Things) ist längst Teil unseres Alltags – im Smartphone, Auto oder Smart Home und nun auch in der Abwassertechnik. Pumpstationen, Hebeanlagen und Druckentwässerungen lassen sich kontinuierlich überwachen, Betriebszustände werden transparent und zentral verfügbar.
Der technische Aufbau ist simpel: Vor Ort erfassen Sensoren bestehende Messwerte, die sicher – etwa per Mobilfunk – übertragen und in der Cloud verarbeitet werden. Über eine Plattform werden die Daten visualisiert, auf die der Anwender per App zugreifen kann. Die bestehende Steuerung bleibt unverändert und wird durch IoT lediglich ergänzt.
Diagnose durch Daten
Besonders wertvoll ist die Diagnosefähigkeit. Schon wenige Messgrößen wie Stromaufnahme, Laufzeiten, Startanzahl, Pegel, Druck oder Motortemperatur ermöglichen klare Rückschlüsse: Erhöhte Stromaufnahme bei längerer Laufzeit signalisiert Verstopfung, schleichend steigende Werte deuten auf Verschleiß, sinkende Stromaufnahme bei niedrigem Pegel auf Trockenlauf.
Im Vergleich zum klassischen Betrieb entsteht ein deutlicher Mehrwert: Statt einzelner lokaler Anzeigen gibt es zentrale Transparenz über alle Anlagen. Störungen werden früh erkannt, Wartung erfolgt bedarfsgerecht, Kontrollfahrten werden reduziert und das Gesamtnetz rückt stärker in den Fokus. Jung Pumpen wird noch in diesem Jahr ein solches Tool auf den Markt bringen.
Grundlage für den nächsten Schritt: KI
IoT bildet zudem die Basis für den nächsten Schritt: künstliche Intelligenz. KI interpretiert die IoT-Daten, erkennt Anomalien, prognostiziert Störungen und unterstützt Optimierungen. IoT schafft Transparenz, Vergleichbarkeit und Diagnosefähigkeit, ohne die Betriebssicherheit anzutasten. So wird aus vorhandenen Steuerungen ein effizient betreibbares und langfristig optimierbares System.
Xcentric – innovative Technologie für Abwasserpumpen
Thijs Pasman, Manager Sales Commercial Water, Pentair Nijhius
Mit der XRW Serie hat Pentair Nijhuis eine Pumpengeneration vorgestellt, die mit dem neu entwickelten exzentrischen Xcentric-Laufrad einen deutlichen Technologiesprung in der Abwasserförderung setzt. Ziel war es, dem zunehmend hohen Anteil an Faser- und Feststoffen im Abwasser effizienter zu begegnen und Verstopfungen nachhaltig zu reduzieren.
Innovative Geometrie des Xcentric-Laufrads
Das exzentrische Xcentric-Laufrad besitzt eine konische, seitlich versetzte Geometrie. Klassische Kanal- und Freistromräder mit symmetrischen Schaufeln und festen Förderkanälen neigen zu Verzopfungen, weil sich Feststoffe an Leitkanten ablagern.

Das Xcentric-Laufrad erzeugt dagegen einen asymmetrischen, dynamischen Durchfluss, der Feststoffe in Bewegung hält und ohne Leitkanten auskommt. Dadurch sinkt die Verstopfungsgefahr deutlich. Zudem reduziert das Laufrad die Vibrationen der Pumpe wesentlich. Sie läuft ruhiger und energieeffizienter und auch der Verschleiß reduziert sich, was die Lebensdauer der gesamten Anlage verlängert. Seit dem XRW Launch 2024 wurde das Laufrad in mehreren Pilotprojekten und Serienanwendungen erfolgreich eingesetzt.
Einsatzbereiche des Xcentric-Laufrads
Die XRW-Serie ist für kommunale und industrielle Abwasseranwendungen ausgelegt, insbesondere für Pumpstationen, die Abwasser mit hohem Feststoffanteil fördern. Unterstützt werden übliche Nenndurchmesser von DN150 bis DN400, sodass ein Austausch in bestehende Installationen ohne größeren Umbau möglich ist.
Schutz hydraulischer Systeme vor Luftansammlungen, Unterdruck und Druckstoß
Dipl.-Ing. Bernd Husemann, Geschäftsführer Airvalve Flow Control GmbH
Lufteinschlüsse entstehen primär beim Befüllen neuer Leitungen, durch Ausgasung, sowie durch Einsaugen über Be- und Entlüftungsventile bei Unterdruck. Luft sammelt sich an Hochpunkten und verringert den Strömungsquerschnitt, was Durchfluss und Wirkungsgrad reduziert. Die Folgen sind längere Förderintervalle, höherer Energieverbrauch und steigende Betriebskosten.
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Unterdruck und Druckstöße in Rohrleitungen
Unterdruck entsteht vor allem durch Pumpenabschaltung. Auch schnelle Füllvorgänge oder das Schließen von Armaturen führen zu dynamischen Druckänderungen, die sich mit Schallgeschwindigkeit (ca. 1.000 m/s bei metallischen Leitungen und ca. 333 m/s bei PEHD-Leitungen) als schwingende Druckwelle ausbreiten.

