Wasserinfrastruktur
Wie können wir Resilienz gestalten?

Unsere Wasserinfrastruktur wird von mehreren Seiten bedroht: durch Extremwetterereignisse, durch Alterung, durch Sabotage und Cyberkriminalität. Umso wichtiger und komplexer ist die Anpassung der Leitungsnetze und anderen Einrichtungen. Was braucht es dafür? Antworten darauf gab es beim 11. Saerbecker Pipe Symposium.

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Die Sanierung von Trinkwasserleitungen ist eine Herausforderung: Neben der technischen Erneuerung spielen weitere Faktoren eine wichtige Rolle.
Über 200 Fachleute nahmen Mitte September 2026 am Symposium teil, das Saertex multiCom erstmals in Kooperation mit Rosenxt Linegy durchführte. Bei der Auswahl des Veranstaltungsthemas „Wasserinfrastruktur in Gefahr – Risiken in Resilienz umwandeln“ trafen die Verantwortlichen eine gute Wahl, denn kaum ein Thema ist so aktuell, komplex und bedeutend wie die Sicherung kritischer Infrastrukturen. Das haben jüngst der Hackerangriff auf Berlin und der Anschlagsversuch auf den Leipziger Flughafen im August eindringlich vor Augen geführt.
Für die Schaffung von Resilienz seien Wissen, technische Innovationen und offene vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den zuständigen Stellen wichtig, so Dr. Tobias Lehberg, Bürgermeister der Gemeinde Saerbeck. Anpassungsfähige Systeme würden bei der Bevölkerung Vertrauen in die zuverlässig funktionierende Infrastruktur schaffen.

Noch viel Luft nach oben bei Schutzmaßnahmen gegen Bedrohungen
Genau dieses Vertrauen wollen Saboteure zerstören, warnt Marc Henrichmann, Mitglied des Deutschen Bundestages und Innenausschusses. „Staatliche Einrichtungen brauchen ausreichende Befugnisse für passende Schutzmaßnahmen. Wir müssen uns vernetzen, Kompetenzen bündeln und Zugangsrechte in Unternehmen regeln“, so Henrichmann. Auch weil es noch an der frühzeitigen Erkennung von Angriffen hapert, sprach er sich für eine Nachrichtendienstreform sowie die Schaffung eines Drohnenkompetenzzentrums aus.

Auch in Unternehmen seien Schutzmaßnahmen sehr oft unzureichend, betonte Julia Kramer vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Das gelte insbesondere für KMU, die am häufigsten attackiert würden. Fast die Hälfte der deutschen Websites, so die Expertin, wiesen Sicherheitsmängel auf. Das BSI hat auf seiner Website zahlreiche Informationen und Tipps zur Prävention bereitgestellt.

Daten haben eine zentrale Bedeutung für die Resilienz von Systemen. Das betonte etwa Wiebke Cundill, HDI Risk Consulting GmbH. Das gelte vor allem auch für Präventivmaßnahmen im Hinblick auf zunehmende Extremwetterereignisse, die bekanntlich direkte Auswirkungen haben auf unsere Infrastruktur. Mit gut aufbereiteten Daten ließen sich Analysen zu Gefahren am konkreten Standort generieren, Schwachstellen identifizieren und somit Risiken reduzieren, so Cundill.

Kai Diecks und Patrik Rosen im Interview
Am Rande des diesjährigen Saerbecker Pipe Symposiums haben wir mit Saertex multiCom-Geschäftsführer Kai Diecks und Patrik Rosen, Venture Manager Water Line Infrastructure bei Rosenxt Linegy, über das Veranstaltungsthema gesprochen.
B_I umweltbau: In Deutschland wird derzeit jährlich nur etwa 1,0 % des öffentlichen Kanalnetzes saniert. Fachleute und Verbände empfehlen für den langfristigen Werterhalt eine jährliche Reinvestition von 1,25 % bis 1,5 % des Gesamtwiederbeschaffungswertes. Worauf kommt es jetzt an, damit wir die Netze trotz aller bekannten Herausforderungen wirtschaftlich und nachhaltig instand halten und betreiben können?
Patrik Rosen: Wir haben Probleme, das Geld unter die Erde zu bringen, weil die personellen Kapazitäten nicht ausreichen. Daher wird es in den nächsten Jahren auf Priorisierung ankommen. Das heißt, auf der Grundlage vorhandener Zustandsdaten müssen wir schauen, wo der Euro am besten investiert ist.
Eine vorausschauende, nachhaltige Sanierungsstrategie bringt Planungssicherheit hinsichtlich Unternehmenskapazität, Personaleinsatz und Finanzen. Dazu gehört auch eine frühzeitige interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den für Klimaschutz und Wärmeplanung verantwortlichen Stellen.
Kai Diecks: Daneben geht es vor allem auch um Mut. Bei Ausschreibungen dürfen sich Kommunen nicht zu sehr hinter Paragrafen verstecken. Vielmehr würde ich mir wünschen, dass Spielräume konsequent genutzt würden. Daran hapert es oft, auch, weil zum Teil das Wissen zu vorhandenen Techniken und Verfahren fehlt. Mutig sein und Verantwortung übernehmen sind also zwei ganz entscheidende Punkte.

B_I umweltbau: Die Nationale Wasserstrategie in Deutschland liefert einen konzeptionellen Rahmen zum Schutz der Gewässer und des natürlichen Wasserhaushalts, der Sicherstellung der Trinkwasserversorgung sowie der Klimaanpassung der Wasserinfrastruktur. Verbindliche Resilienz-Maßnahmen sieht sie nicht vor. Wer ist aus Ihrer Sicht jetzt wie gefordert?
Kai Diecks: Auch hier geht es um Mut und Verantwortung. Dabei sind zum einen wieder die Kommunen gefordert, entsprechende Maßnahmen im Rahmen des finanziell Möglichen umzusetzen. Aber auch die Industrie kann durch Innovationen unterstützen. Darüber hinaus ist es wichtig, die Menschen mitzunehmen, Vertrauen und eine positive Fehlerkultur zu schaffen.
B_I umweltbau: Welche Rolle spielen KI und Digitalisierung beim Aufbau von Resilienz?
Rosen: KI braucht zunächst einen umfassenden Datenstamm. Ist ein solcher gegeben, kann künstliche Intelligenz, etwa bei der Kanalinspektion oder beim Einsatz von vernetzten Steuerungssystemen, eine große Rolle für die Resilienz von Infrastrukturen spielen. Letztlich muss aber immer ein Mensch alles im Blick haben und die Verantwortung tragen. Auch die Digitalisierung macht Prozesse einfacher, strukturierter und schneller und kann somit einen Beitrag leisten.
B_I umweltbau: Wie gelingt der Schritt vom Erkennen eines Risikos hin zum Aufbau echter Resilienz? Was ist dafür in der Wasserinfrastruktur konkret notwendig und was kann man vielleicht von anderen lernen?
Rosen: Bedrohungen erkennen ist der Anfang, Lösungen entwickeln macht den Unterschied. Es gibt einige Branchen, die der Wasserinfrastruktur in der Hinsicht voraus sind, sicher auch, weil die unterirdische Infrastruktur für die Öffentlichkeit so lange unsichtbar bleibt, bis sie nicht mehr funktioniert. Wir sehen etwa in der Luftfahrtindustrie globale Standards, in der Energieversorgung eine vorausschauende Instandhaltung mit Sensorik und digitalen Zwillingen sowie in der Öl-/Gasindustrie ein Asset Integrity Management (AIM) mit einer Bedrohungsanalyse, einer Diagnostik, einer Integritätsbewertung und sodann etwaigen Korrekturmaßnahmen.
Reife Branchen regulieren nicht das Bauteil, sondern das Managementsystem. Zusammenfassend kann man sagen, dass sich folgende Maßnahmen in anderen Branchen bewährt haben: kontinuierliche Diagnostik, Einrichtung eines risikobasierten AIM, Nachweis und Validierung, Schaffung von Standards und Qualifikation sowie Schaffung von Transparenz und Lernkultur.
Diecks: Auch in der Wasserwirtschaft werden die Technologien immer besser. Aber am Ende trägt immer der Mensch die Verantwortung dafür, dass alles funktioniert. Resilienz ergibt sich letztlich aus einem Zusammenspiel von Technologie, Weiterbildung und dem menschlichen Willen, Maßnahmen anzugehen.
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