Großrohre
Risse, Risiken, Standsicherheit: Was Betreiber beachten sollten

Großrohre sind nicht einfach normale Abwasserrohre im größeren Format – sie bringen besondere Risiken mit und bedürfen besonderer Aufmerksamkeit bei Bau, Betrieb, Inspektion und Sanierung.

Vom Kalibrierschlauch zum Werkzeug in der grabenlosen Sanierung
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Bei begehbaren Hauptsammlern geht es schnell um viel: um Standsicherheit, Betriebssicherheit, Folgerisiken an der Oberfläche – und um die Frage, ob Netzbetreiber rechtzeitig erkennen, wo kritische Schwachstellen liegen. Denn Großrohre sammeln große Abwasser- und Regenwassermengen, liegen häufig unter Hauptverkehrsstraßen, dichter Bebauung oder kritischer Infrastruktur – und stellen besondere Herausforderungen für Netzbetreiber dar.
Wenn begehbare Hauptsammler versagen, geht es schnell um deutlich mehr als um einen lokalen Kanalschaden: Rückstau, Überflutung, Straßeneinbrüche und hohe Folgekosten können die Folge sein. Auf sechs Punkte sollten Netzbetreiber daher besonders achten:
1. Großrohre brauchen eigene Bewertungsmaßstäbe
Bei Großrohren kommt es entscheidend darauf an:
- Ist die Leitung hydraulisch leistungsfähig und betriebssicher?
- Ist die Standsicherheit des Rohr-Boden-Systems gewährleistet?
- Ist das Gesamtsystem aus Rohr, Fugen, Anschlüssen und Bettung dauerhaft dicht?
Damit wird deutlich: Es geht nicht nur um das Rohr an sich. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Betrieb, Bauzustand, Bettung und Folgerisiken.

2. Bauqualität entscheidet früh über spätere Risiken
Beim Neubau in offener Bauweise stehen Werkstoffwahl, Fertigungsqualität und Einbaubedingungen im Vordergrund. Großrohre werden häufig als Stahlbetonrohre ausgeführt. Transport, Erhärtung und Maßhaltigkeit können sich später auf die Rissanfälligkeit auswirken.
Wichtig ist: In einem neuen Rohr ist Riss nicht gleich Riss. Viele feine Risse können auf einen funktionierenden Verbund zwischen Beton und Bewehrung hinweisen. Einzelne breite Risse sind dagegen genauer zu hinterfragen. Für Betreiber heißt das: Qualitätsanforderungen sollten bereits in der Ausschreibung eindeutig formuliert werden – zum Beispiel zur ausreichenden Erhärtung in der Schalung und zur Bewertung von Rissen.
3. Vortrieb: Druckübertragungsmittel sind sicherheitsrelevant
In der geschlossenen Bauweise müssen Stahlbeton-Vortriebsrohre hohe Presskräfte aufnehmen. Neben Steuerung und Bodenbedingungen ist die Rohrqualität entscheidend – insbesondere die Maßhaltigkeit.

Ein zentraler Punkt sind die Druckübertragungsmittel zwischen den Rohrstößen. Sie sollen Presskräfte gleichmäßig übertragen und Spannungsspitzen vermeiden. Versuche des IKT haben gezeigt: Material und Dicke dieser Zwischenlagen beeinflussen die Spannungsverteilung im Rohrstrang erheblich. Für Netzbetreiber bedeutet das: Druckübertragungsmittel sind keine Nebensache. Sie sollten geplant, geprüft, qualitätsgesichert und dokumentiert werden.
4. Inspektion großer Profile ist mehr als gute Kameratechnik
Die Inspektion begehbarer Großprofile unterscheidet sich grundlegend von der Standard-TV-Inspektion kleinerer Nennweiten.
Wer in Großrohren arbeitet, braucht eine durchdachte Sicherheitsorganisation: Sicherungsposten, persönliche Schutzausrüstung, Messung der Kanalatmosphäre und klar geregelte Zugangsbedingungen.
Auch technisch geht es um mehr als Bilder. Wichtig sind Profilvermessung, Längenerfassung, Dokumentation, Prüfung von Mauerwerksfugen und Betonoberflächen sowie – wo möglich – gezielte Bohrkernentnahmen zur Ermittlung von Wanddicken und Materialkennwerten. Kurz gesagt: Großrohrinspektionen müssen methodisch geplant werden.
5. MAC kann Schwachstellen im Rohr-Boden-System sichtbar machen

Gerade bei älteren Großprofilen aus Mauerwerk stellen sich Betreiber häufig eine zentrale Frage: Wo ist die Schwachstelle? Hiervon hängt wesentlich der Sanierungsumfang ab.
Hier setzt das MAC-Verfahren des IKT an. MAC steht für „Mechanical Assessment of Conduits“. Das Verfahren dient der zerstörungsfreien mechanischen Bewertung des Altrohr-Boden-Systems. Dabei wird das Rohr lokal mit einem Hydraulikzylinder geringfügig, nur um wenige Zehntelmillimeter auseinander gedrückt. Aus den Kraft-Verformungs-Beziehungen lässt sich eine Rohr-Boden-Steifigkeit ableiten. Diese beschreibt nicht nur den Zustand des Altrohres, sondern auch die Mitwirkung der Bettung.
Das Verfahren ist nicht als Standardinspektion gedacht. Es eignet sich vor allem für Hochrisikoobjekte, bei denen ein Versagen besonders gravierende Folgen hätte oder ein statischer Nachweis verlangt wird.

6. Sanierung: Nicht schematisch, sondern objektbezogen
Für die Sanierung ist nicht allein das „beste“ Material entscheidend. Maßgeblich ist die Kombination aus geeignetem Verfahren, Schadensbild, Tragverhalten und sorgfältiger Ausführung.
Bei Rissen in Stahlbeton-Großrohren empfiehlt sich ein abgestuftes Vorgehen: Ursache klären, Entwicklung beobachten und erst dann gezielt handeln. Besonders kritisch sind Risse, die fortschreiten oder die Bewehrung dauerhaft feucht halten. Sanierung von Großrohren ist daher keine Routineentscheidung. Sie braucht eine belastbare Zustandsbewertung und eine objektbezogene Strategie.
Was heißt das für Netzbetreiber?
Großrohre gehören zu den risikokritischen Bausteinen kommunaler Abwasserinfrastruktur. Sie müssen über ihre gesamte Lebensdauer betrachtet werden – vom Neubau über Betrieb und Inspektion bis zur Sanierung. Für Netzbetreiber heißt das: Qualitätsanforderungen früh formulieren, Inspektionen methodisch planen, Risse differenziert bewerten, Bettung und Tragverhalten mitdenken und Sanierungsverfahren nicht schematisch auswählen.
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Weiterbildung und Vertiefung:
Wer die Themen Großrohre, Standsicherheit, Inspektion und Sanierung weiter vertiefen möchte, trifft Martin Liebscher unter anderem in folgenden IKT-Lehrgängen:
Kanalsanierungsmanager, 2. November 2026
Details: Programm und Anmeldung
Kanalbetriebsmanager, 14. September 2026
Details: Programm und Anmeldung Aktuelle IKT-Seminare und Lehrgänge: www.ikt.de (Reiter „Seminare“)
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