Melbournes grüne Antwort auf die Hitze
Den Titel als lebenswerteste Stadt gewinnt die australische Metropole immer wieder. Die „Royal Botanic Gardens Victoria“ haben mit ihrem hohen Baumanteil, einer standortgerechten Flora voller Biodiversität und intelligentem Wassermanagement großen Anteil daran und zeigen zugleich, welche grünen Möglichkeiten es gibt, sich den Klimaveränderungen und Extremwetterereignissen im urbanen Umfeld anzupassen.

Bäume als natürliche Klimaanlage
„Melbourne ist eine riesige, sich ausbreitende Großstadt von aktuell vier Millionen Einwohnern“, sagt der Australier. „In 70 Jahren wird es dort voraussichtlich drei bis vier Grad wärmer sein. Mit dieser zunehmenden Hitze wird das Blätterdach der Bäume immer wichtiger.“ Bäume sind besonders effektive natürliche Klimaanlagen. Sie spenden nicht nur Schatten, sondern sorgen auch durch die im Rahmen der Photosynthese entstehende Verdunstungskälte für eine Abkühlung in ihrer Umgebung. Die Forschung auf dem Gebiet der Stadt-Klimabäume belegt, dass die meterhohen Gehölze dank ihrer Größe, Raumwirkung und vielfältigen Ökosystemleistungen zu den wirksamsten Instrumenten bei der Bekämpfung innerstädtischer Hitze und Trockenheit zählen. Angesichts des hohen Anteils jahrzehntealter Gehölze im Botanischen Garten ist Melbourne gut aufgestellt. Denn klimaregulierende Effekte erhöhen sich mit zunehmendem Alter der Baumriesen.

Pflanzenauswahl an die Umweltbedingungen anpassen
Die „Australian Drylands“, das australische Trockenland, sind Teil dieser Landschaftsnachfolge-Strategie. Dazu führt Andrew Laidlaw in einen Bereich, wo sie Ananas-Busch (Dasypogon bromeliifolius) und Holzbirne (Xylomellum occidentale) zusammen mit anderen Westaustralischen Spezies testen, die von Standorten mit heißerem Klima stammen und auf sandigem Boden gedeihen. „Mit den Drylands liegt der Fokus auf Arten, die höheren Temperaturen und weniger Regen standhalten. Das macht sie resilienter gegenüber dem Klimawandel.“ 75 Prozent der Pflanzen sollen hier bis 2036 besser angepasst an wärmeres Klima sein. Denn eine trockenheitsverträgliche Vegetation überzieht auch den Boden wie eine Decke und schützt ihn vor Aufheizung. Was bewachsen ist, lässt Wind- und Wassererosion zudem weniger Angriffsfläche. Zu Lehrzwecken und als Anschauungsmaterial sind in den „Australian Drylands“ auch stark bedrohte Arten wie Enfield Grevillea (Grevillea bedggoodiana) gepflanzt worden. Zwei Sitzplatzbereiche werden begrünt durch endemische Arten, die sich in einzigartiger Weise an ihre Umweltbedingungen angepasst haben. Ein Teil umfasst Palmen und Cyads, während der andere von Pflanzen eingefasst wird, die mit Feuer klarkommen.



Die Farnschlucht als Modell für urbane Kühlung und Biodiversität
„Sie ist eine erstaunliche grüne Oase“, begeistert sich Andrew Laidlaw und führt in einen Bereich, in dem es sich zwischen Baumfarnen in eine fast urzeitlich anmutende Szenerie eintauchen lässt. Große Bäume und Palmen, die schon unter William Robert Guilfoyles (1840–1912), dem begründenden Landschaftsarchitekten der Königlich Botanischen Gärten von Melbourne, gepflanzt wurden, spenden Schatten für die Farn-Sammlung. Sie enthält historische Exemplare aus der Zeit des Viktorianischen „Fern Craze“, als die „Dinosaurier unter den Pflanzen“ nicht nur in Mode waren, sondern das viktorianische England wie verrückt danach war. Ein Wasserlauf schlängelt sich durch das Gebiet. Das erhöht die Luftfeuchtigkeit.

Melbourne Pollinator Corridor
Im Siedlungsgebiet gehen Lebensräume für Tiere und Pflanzen schnell verloren, Verbindungsstrukturen werden gekappt. Kleine Flächen von hoher ökologischer Wertigkeit können Ausgleich schaffen. Idealerweise sind sie wie Trittsteinbiotope miteinander vernetzt . In Melbourne sind auf Initiative von Emma Cutting solche kleinen Lebensräume mit Bodendeckern, Gräsern, Sträuchern, Bäumen, Holzstämmen und Steinen entstanden. Ausgehend von den Botanischen Gärten, verbindet ein acht Kilometer langer Streifen die grünen Flächen bis zum Westgate Park. Benannt ist der „Pollinator Corridor“ nach Pollinatoren, also Tieren wie Bienen, Schmetterlingen und anderen Insekten, die Blüten bestäuben. „Wir freuen uns, dass viele Menschen uns unterstützen“, sagt der leitende Landschaftsarchitekt Andrew Laidlaw, „und Orte schaffen, an denen Tiere und Insekten nicht nur leben und gedeihen, sondern sich auch zwischen den Flächen bewegen können.“ Die Biodiversitäts-Initiative verbessere auch das Leben der Menschen in Melbourne.
Die größte Herausforderung sehen Experten deshalb darin, das kostbare Lebenselixier zu speichern und es den Pflanzen bei Bedarf wieder zur Verfügung zu stellen. Im Fachjargon spricht man von Schwammstädten. Das Prinzip kann man sich tatsächlich wie einen Schwamm vorstellen. Oberflächenwasser wird aufgesogen und dort gespeichert, wo es ankommt. Dazu müssen versiegelte und überbaute Flächen an Vegetationsflächen in direkter Nachbarschaft angeschlossen werden. Pflanzen und Bodenleben helfen beim „grünen Wassermanagement“.

Regenerative Wassergewinnung
In Melbourne konnten sie dabei auf bestehende Strukturen zurückgreifen. „Bis in die 1930er Jahre wurde Wasser vom Yarra-Fluss hochgepumpt und in einem Reservoir gespeichert“, erzählt Andrew Laidlaw. Der Wasserspeicher ist ein kurioses Bauwerk, das wegen der vulkanartigen Form und nach seinem Erbauer Guilfoyles' Volcano heißt. Der „Vulkan“ selbst ragt acht Meter hoch und ist an seinem Rand über zwei kreisförmige Holzstege begehbar. Auf einer der vier Beobachtungsplattformen bleibt Andrew Laidlaw stehen und blickt über den Botanischen Garten mit den vielen Gewächsen, die das Wasser für ihre Ökosystemfunktionen brauchen, und es gleichzeitig lebendig halten. Seit der Reaktivierung und dem Umbau des Sammelbeckens werden 70 Megaliter Regenwasser von den Straßen in die Gärten umgeleitet. Das Besondere: „Wir lassen es durch Pflanzen reinigen. In unseren sogenannten ‘Floating Islands’ filtern Wasserpflanzen Nährstoffe heraus.“ Dabei zeigt er auf fünf künstlich angelegte grüne Inseln auf der Wasseroberfläche.

Modernes Wassermanagement
Wasser von den umgebenden Vororten wird in die Seen in den Botanischen Gärten von Melbourne geleitet. In einer bestimmten Abfolge nehmen diese ebenso das Regenwasser der umgebenden Landschaft auf. Kommt Starkregen bei Extremniederschlagsereignissen aus den umliegenden Straßen an, fließt es durch Schmutzfänger, die sogenannten Grobschadstofffallen (Gross pollutant traps). Dabei handelt es sich um Strukturen, die im Regenwasserentwässerungssystem installiert sind und große Ablagerungen, Abfälle und grobe Sedimente aus dem Regenwasserabfluss abfangen, bevor das Regenwasser schwerkraftgespeist dem Seerosen-Teich zufließt. Danach geht es durch die Farnschlucht, wo das fließende Wasser Sauerstoff aufnimmt. Von hier gelangt es durch den Central Lake zum malerischen Landschaftssee, der das Bild der Royal Botanic Gardens in Melbourne prägt. Hier angekommen, filtern „Floating Islands“, pflanzenbewachsene Inseln, Schadstoffe wie Nitrate heraus. Feuchtzonen mit Sediment-Teichen an der Mündung jedes Sees, reinigen das Wasser mittels physikalischer und chemischer Prozesse. Die Pflanzen der Wasserinseln werden regelmäßig geerntet und kompostiert. Ein nachhaltiger Kreislauf entsteht.
Für Andrew Laidlaw, den Landschaftsarchitekten, war die Umgestaltung auch eine willkommene Gelegenheit, die „historische Ästhetik einer Landschaft aus dem 19. Jahrhundert mit den Anforderungen unserer Zeit an Wasserschutz, ökologische Nachhaltigkeit, zeitgenössisches Pflanzendesign und die Annehmlichkeiten für Besucher zusammenzubringen“. Guilfoyles' Original-Entwurf bestand aus grünen Rasenflächen, die vom Rand des Vulkankegels wie Lava in den Seerosenteich flossen.

Aufenthaltsqualität durch Biodiversität fördern
Für die Menschen jedenfalls birgt der Aufenthalt in den verschiedenen belebten Bereichen noch eine ganz andere Dimension. „Indem wir uns im grünen Raum aufhalten, bekommen wir diese besondere Verbindung zum lebendigen Pflanzenstoff“, formuliert es Andrew Laidlaw. „Die Wissenschaft sagt uns, dass es eine ganze Menge Energie um diese Pflanzen gibt, die sich auf uns überträgt.“ Tatsächlich existieren Studien, die untersuchen wie unser Gehirn beispielsweise auf städtische Wälder und einen unterschiedlichen Grad an Artenvielfalt reagiert. Nachweislich stärken Natur und Grünflächen die psychische Gesundheit und verringern Stress.
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Tiny Forests
Die Idee zu den „Mini-Wäldern“ stammt aus Japan und geht zurück auf den Pflanzensoziologen und Hochschulprofessor Akira Miyawaki (1928–2021). Im Prinzip handelt es sich um Haine aus schnell wachsenden Gehölzen möglichst heimischer Arten, die schon auf kleinen Flächen ab 100 Quadratmeter und bis 500 Quadratmeter eine kühlende Oase im städtischen Raum etablieren. Da Bäume und Sträucher natürliche Klimaanlagen darstellen, wird im urbanen Raum mittlerweile auf der ganzen Welt damit experimentiert. Auch in Melbourne hat die Bewegung der Tiny Forests winzige Wälder von drei auf drei Meter oder drei auf zehn Meter gepflanzt. Im Gegensatz zu vielen europäischen Varianten sind sie hier sehr dicht gesetzt und nicht dafür gedacht, dass Menschen sie betreten können.
Ob Drylands, Farnschlucht oder Regenwasserreservoir – in all diesen Bereichen öffnen die Botanischen Gärten in Melbourne damit ein Fenster zu dem, was das Leben in urbanen Stadträumen zum Positiven hin verändern kann. „Es begrünt unsere Städte und macht die Hitze erträglicher“, fasst der Landschaftsarchitekt zusammen. „Wenn wir mehr solcher grünen Oasen in unseren urbanen Hitzeinseln etablieren, schaffen wir Wohlfühlorte für Menschen.“

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