Tariflohn Bau
Lohnangleichung vollzogen: Kehren die Fachkräfte jetzt zurück?

Nach über 35 Jahren sind die Tariflöhne im Bauhauptgewerbe in Ost und West komplett angeglichen. Die lange Ungleichbehandlung führte auf ostdeutschen Baustellen oft zu Frust und Abwanderung. Mit dem gleichen Lohn entfällt nun der finanzielle Fluchtgrund: Betriebsräte beobachten erste Tendenzen, dass Fachkräfte in den Osten zurückkehren.
Die vollständige Angleichung der Löhne und Gehälter im Bauhauptgewerbe in Ost- und Westdeutschland ist abgeschlossen. Eine intensive Tarifauseinandersetzung ist dem vorausgegangen, wie die IG BAU in ihrem Mitgliedermagazin „Grundstein“ berichtet. „Das ist ein historischer Schritt. Darauf haben wir mit großer Hartnäckigkeit, unter anderem einem knapp dreiwöchigen Streik, lange hingearbeitet", sagt Carsten Burckhardt, stellvertretender IG BAU-Bundesvorsitzender.
Strabag-Betriebsrat: Das Ende der Lohnmauer
Für viele Beschäftigte im Osten kam dieser Schritt spät. Markus Pohlmann, Betriebsratsvorsitzender bei der Strabag AG in der Direktion Niedersachsen/Sachsen-Anhalt, sah sich mit der ungleichen Bezahlung fast täglich konfrontiert, da in seinem Bereich Kollegen aus beiden Landesteilen arbeiten. „Natürlich freue ich mich. Noch mehr hätte es mich gefreut, wenn es ein paar Jahre früher passiert wäre. Aber das war mit der Arbeitgeberseite nicht zu machen“, so Pohlmann.
Abwanderung wegen Lohngefälle auf dem Bau
Das Lohngefälle führte in der Vergangenheit zu spürbarer Frustration auf den Baustellen. Laut Pohlmann ließen sich viele Fachkräfte in westliche Direktionen versetzen, um mehr Geld zu verdienen. Mit der nun erfolgten Angleichung zeige sich jedoch ein neuer Trend, da einige abgewanderte Bauarbeiter nun wieder an ihre ostdeutschen Standorte zurückkehren möchten. Pohlmann ist dabei auch selbstkritisch: „Wenn hier mehr Kollegen in der Gewerkschaft wären und mehr Druck gemacht hätten - vielleicht wäre es schon früher möglich gewesen."
Gleiche Arbeit am Bau, geringere Rente im Osten
Neben dem direkten Gehaltsunterschied wirkte sich die Lücke auch auf die Altersvorsorge aus. Jörg Oehmigen, Betriebsratsvorsitzender bei Diringer & Scheidel in Leipzig, gegenüber dem „Grundstein": „Im Osten wird genauso gut gearbeitet. Und das Leben ist genauso teuer." Er verweist zudem auf die langfristigen Folgen für seine Generation: „Durch mein geringeres Einkommen habe ich in den vergangenen Jahrzehnten auch weniger in die Rentenkasse eingezahlt."
Tarifbindung als Hebel für höhere Bau-Löhne
Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) bezifferte die allgemeine Ost-West-Lohnlücke bei Vollzeitbeschäftigten im Jahr 2024 branchenübergreifend auf 17,4 Prozent, so die IG BAU. Das WSI sieht in flächendeckenden Tarifverträgen den primären Ausweg aus diesem Dilemma. Für die breite Mehrheit der Beschäftigten, deren Entgeltniveau über dem Mindestlohn liege, führe der Weg zu besseren Löhnen über Tarifverträge, analysiert WSI-Entgeltexperte Dr. Malte Lübker.
Fehlende Tarifverträge schwächen ostdeutsche Beschäftigte
Ohne diese Bindung wachsen Lohnunterschiede selbst zwischen einzelnen Bundesländern weiter an, das zeigen die heterogenen Tarifgebiete in der Baustoffindustrie. Zulasten der ostdeutschen Beschäftigten wirkt laut Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zudem, dass die Tarifbindung im Osten mit 41,7 Prozent deutlich unter dem West-Wert von 50 Prozent liegt. Gleichzeitig unterbieten viele tariflose Arbeitgeber in Ostdeutschland die Standards besonders deutlich. Mit Tarifvertrag sind die Löhne laut Lübker in vergleichbaren Betrieben „etwa zehn Prozent höher, als wenn der Tarifvertrag fehlt".
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Dieser Beitrag basiert auf einer Berichterstattung von Christiane Nölle, die ursprünglich im IG BAU-Mitgliedermagazin „Grundstein“ (Ausgabe 3/26) erschienen ist.
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