Wer die Energiewende will, muss den Netzausbau ermöglichen
Die Energiewende in Deutschland kommt nur schleppend voran, der Netzausbau hinkt den Zielen deutlich hinterher. Die 32. Tagung Leitungsbau, zu der rbv und HDB am 20. und 21. Januar nach Berlin eingeladen hatten, sendete ein klares Signal: Das nötige Know-how und die erforderlichen Kapazitäten sind vorhanden; was fehlt, sind klare politische Entscheidungen und verlässliche Rahmenbedingungen.


Bundesregierung erfüllt Erwartungen bisher nicht
HDB-Hauptgeschäftsführer Tim-Oliver Müller warf einen kritischen Blick auf das baupolitische Geschehen des vergangenen Jahres: „Es war ein extremes Übergangsjahr mit hohen Erwartungen an die neue Bundesregierung. Wir haben ambitionierte Programme gesehen, aber eine stockende Umsetzung erlebt.“ Die Ursachen dafür sieht Müller weniger in fehlenden Finanzmitteln als vielmehr in strukturellen Defiziten des politischen und administrativen Systems.
Besonders kritisch bewertete er das Sondervermögen für Infrastruktur. „Es hat kurzfristig stabilisiert, leidet jedoch an fehlender Zusätzlichkeit und ersetzt vielfach reguläre Haushaltsmittel. Das schafft keine Planungssicherheit, sondern neue Risiken.“ Haushaltsrechtliche Restriktionen, Ressortkonflikte und fehlende Steuerung führen dazu, dass Investitionen nicht verlässlich in konkrete Projekte umgesetzt werden. Mit dem Auslaufen des Sondervermögens droht zudem ein strukturelles Finanzierungsloch, da eine tragfähige Anschlussstrategie bislang nicht erkennbar ist. Müller fordert für das Jahr 2026 einen realistischeren Kurs: „Umsetzung schlägt Erwartung!“

Wärmewende kommt kaum voran
Während der Stromsektor Fortschritte macht, kommt die Wärmewende kaum voran. Das gefährdet die Klimaziele. Im Gebäudebestand werden nach wie vor überwiegend fossile Energieträger eingesetzt. Die bisherige Strategie lässt zu wenig Spielraum für unterschiedliche Technologien. Die Dekarbonisierung des Energiesystems droht zu scheitern, weil die vorhandenen Bausteine nicht zusammenpassen. Die verantwortlichen Entscheider denken und planen Wärme, Strom, Netze und Speicher weiterhin zu stark getrennt voneinander.
„Der Erfolg der Energiewende im Gebäudebestand entscheidet sich an der Fähigkeit, Wärme infrastrukturell neu zu organisieren.“ Dies war eine der Thesen im Vortrag von Dr. Kai Roger Lobo, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU). Da der Wärmemarkt maßgeblich von lokalen Gegebenheiten geprägt ist, lehnt Lobo nationale Standardlösungen ab: „Mit Einzeltechnologien werden wir die Herausforderung nicht bewältigen. Selbst bei stark steigenden Absatzzahlen von Wärmepumpen wird die vollständige Umstellung des Gebäudebestands mehrere Jahrzehnte dauern.“ Er rückt deshalb Wärmenetze ins Zentrum. Fern- und Nahwärme können erneuerbare Wärmequellen, Abwärme und Großwärmepumpen effizient bündeln und zugleich Versorgungsrisiken reduzieren. „Die kommunale Wärmeplanung ist ein wichtiges Steuerungsinstrument. Sie soll Investitionen lenken, Fehlentwicklungen vermeiden und bei langfristigen Infrastrukturentscheidungen Orientierung geben.“

Technologieoffenheit ist eine wesentliche Voraussetzung
Der Klimaschutzexperte und ehemalige Bundestagsabgeordnete Klaus Mindrup (SPD) geht davon aus, dass sich mit einem steigenden Anteil volatiler erneuerbarer Energien die Anforderungen grundlegend verändern werden. „Wärmenetze, Speicher und flexible Lasten sind nicht nur für die Dekarbonisierung notwendig, sondern stabilisieren auch ein zunehmend komplexes Stromsystem.“ Mindrup warnte ausdrücklich vor einer „All-Electric-World“ und mangelhafter Sektorenkopplung. „Technologieoffenheit ist eine wesentliche Voraussetzung für eine sichere Versorgung.“
Die Wärmewende sieht der Politprofi als „Investitionsaufgabe historischen Ausmaßes. Staatliche Mittel allein reichen dafür nicht aus.“ Sowohl Mindrup als auch Lobo betonten, dass ohne ein stabiles regulatorisches Umfeld, privates Kapital und eine Stärkung kommunaler Akteure ein Investitionsstau drohe, der negative Folgen für die Klimaziele und die Versorgungssicherheit hätte.

Sicherheitsanforderungen rücken stärker in den Fokus
Auch abseits der großen energie- und baupolitischen Themen verdeutlichte die Tagung, wie stark sich die Rahmenbedingungen für die Branche verändern. Leitungsgebundene kritische Infrastrukturen müssen immer strengere Sicherheitsanforderungen erfüllen, ihr Schutz rückt stärker in den öffentlichen Fokus. Geopolitische Spannungen, hybride militärische Bedrohungen sowie Extremwetterereignisse infolge des Klimawandels stellen das Netzmanagement vor neue Herausforderungen.
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Nach wie vor wirken sich der Fachkräftemangel, arbeits- und tarifrechtliche Vorgaben sowie steigende Führungsanforderungen spürbar auf Menschen und Projekte im Leitungsbau aus. Hinzu kommen wachsende rechtliche und regulatorische Anforderungen, beispielsweise im Bereich Environmental, Social und Corporate Governance (ESG). Diese verändern Projektabläufe, erhöhen die Dokumentations- und Nachweispflichten und greifen tief in die Planung und Unternehmenssteuerung ein. Digitalisierung und künstliche Intelligenz, weitere Punkte auf der Tagungsagenda, helfen dabei, Abläufe zu vereinfachen und die Leistungsfähigkeit nachhaltig zu steigern.

Partnerschaftliche Zusammenarbeit ist der Schlüssel
„Das ‚Abenteuer Leitungsbau‘ steht für Aufbruch, Mut und den festen Willen, die Zukunft der unterirdischen Infrastruktur aktiv zu gestalten. Nur wenn alle Beteiligten partnerschaftlich zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstützen, können wir erfolgreich sein“, betonte Donath zum Abschluss der 32. Tagung Leitungsbau. „Die Bundesregierung muss in der Energiepolitik endlich in die Gänge kommen. Wir brauchen verlässliche Rahmenbedingungen, integrierte Planungen, realistische Umsetzungsziele und tragfähige Finanzierungsmodelle. Wenn die Politik liefert, können auch wir als Branche liefern. Der Leitungsbau steht bereit, um alle Versorgungsnetze zukunftssicher aufzustellen.“
Quelle: rbv
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