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Tagung Leitungsbau 2026: Energiewende braucht jetzt den Netzausbau

Tagung Leitungsbau 2026

Wer die Energiewende will, muss den Netzausbau ermöglichen

09.02.2026, 10:11, aktualisiert 09.02.2026, 10:27
KÖLN
Tagung Leitungsbau 2026: Energiewende braucht jetzt den Netzausbau
Mehr als 200 Teilnehmer waren im Januar in Berlin zusammenkommen, um sich unter dem Motto „Abenteuer Leitungsbau. Der Druck wĂ€chst“ ĂŒber Herausforderungen und LösungsansĂ€tze fĂŒr die Branche auszutauschen. | Foto: rbv

Die Energiewende in Deutschland kommt nur schleppend voran, der Netzausbau hinkt den Zielen deutlich hinterher. Die 32. Tagung Leitungsbau, zu der rbv und HDB am 20. und 21. Januar nach Berlin eingeladen hatten, sendete ein klares Signal: Das nötige Know-how und die erforderlichen KapazitÀten sind vorhanden; was fehlt, sind klare politische Entscheidungen und verlÀssliche Rahmenbedingungen.

„Ambitionierte Investitionsprogramme allein reichen nicht aus. Wo eine stringente Gesamtplanung fĂŒr ein sektorenĂŒbergreifendes Energiesystem fehlt, wĂ€chst der Druck in einem politisch und wirtschaftlich volatilen Umfeld“, machte Dr. Ralph Donath gleich zu Beginn deutlich. Der rbv-PrĂ€sident analysierte die aktuelle Lage prĂ€zise: Der Stromsektor verzeichnet durch einen hohen Anteil erneuerbarer Energien und sinkende Emissionen deutliche Fortschritte. Dies darf jedoch nicht darĂŒber hinwegtĂ€uschen, dass das Energiesystem insgesamt enorm unter Druck steht. In der WĂ€rmeversorgung und in industriellen Anwendungen dominieren weiterhin fossile EnergietrĂ€ger, ebenso in Netzen und Speichern. Entscheidend ist daher nicht der isolierte Ausbau einzelner Bereiche, sondern die konsistente Planung des Gesamtsystems. „Wir können kein Transportnetz wie das Wasserstoff-Kernnetz planen und ausbauen, ohne Verteilnetze, Nachfrage und AnschlussfĂ€higkeit von Anfang an mitzudenken“, unterstrich Donath. „Ohne diese Einbettung drohen Fehlinvestitionen, Unterauslastung und neue strukturelle Ungleichgewichte – mit gravierenden Folgen fĂŒr Planungssicherheit und Umsetzung im Leitungsbau.“

rbv-PrÀsident Dr. Ralph Donath machte deutlich, dass eine erfolgreiche Energiewende nur durch das Zusammenspiel verschiedener EnergietrÀger, Infrastrukturen und Technologien erfolgreich umgesetzt werden kann. | Foto: rbv
rbv-PrÀsident Dr. Ralph Donath machte deutlich, dass eine erfolgreiche Energiewende nur durch das Zusammenspiel verschiedener EnergietrÀger, Infrastrukturen und Technologien erfolgreich umgesetzt werden kann. | Foto: rbv

Bundesregierung erfĂŒllt Erwartungen bisher nicht

HDB-HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Tim-Oliver MĂŒller warf einen kritischen Blick auf das baupolitische Geschehen des vergangenen Jahres: „Es war ein extremes Übergangsjahr mit hohen Erwartungen an die neue Bundesregierung. Wir haben ambitionierte Programme gesehen, aber eine stockende Umsetzung erlebt.“ Die Ursachen dafĂŒr sieht MĂŒller weniger in fehlenden Finanzmitteln als vielmehr in strukturellen Defiziten des politischen und administrativen Systems.

Besonders kritisch bewertete er das Sondervermögen fĂŒr Infrastruktur. „Es hat kurzfristig stabilisiert, leidet jedoch an fehlender ZusĂ€tzlichkeit und ersetzt vielfach regulĂ€re Haushaltsmittel. Das schafft keine Planungssicherheit, sondern neue Risiken.“ Haushaltsrechtliche Restriktionen, Ressortkonflikte und fehlende Steuerung fĂŒhren dazu, dass Investitionen nicht verlĂ€sslich in konkrete Projekte umgesetzt werden. Mit dem Auslaufen des Sondervermögens droht zudem ein strukturelles Finanzierungsloch, da eine tragfĂ€hige Anschlussstrategie bislang nicht erkennbar ist. MĂŒller fordert fĂŒr das Jahr 2026 einen realistischeren Kurs: „Umsetzung schlĂ€gt Erwartung!“

HDB-HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Tim-Oliver MĂŒller sieht das Sondervermögen Infrastruktur kritisch. | Foto: rbv
HDB-HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Tim-Oliver MĂŒller sieht das Sondervermögen Infrastruktur kritisch. | Foto: rbv

WĂ€rmewende kommt kaum voran

WĂ€hrend der Stromsektor Fortschritte macht, kommt die WĂ€rmewende kaum voran. Das gefĂ€hrdet die Klimaziele. Im GebĂ€udebestand werden nach wie vor ĂŒberwiegend fossile EnergietrĂ€ger eingesetzt. Die bisherige Strategie lĂ€sst zu wenig Spielraum fĂŒr unterschiedliche Technologien. Die Dekarbonisierung des Energiesystems droht zu scheitern, weil die vorhandenen Bausteine nicht zusammenpassen. Die verantwortlichen Entscheider denken und planen WĂ€rme, Strom, Netze und Speicher weiterhin zu stark getrennt voneinander.

„Der Erfolg der Energiewende im GebĂ€udebestand entscheidet sich an der FĂ€higkeit, WĂ€rme infrastrukturell neu zu organisieren.“ Dies war eine der Thesen im Vortrag von Dr. Kai Roger Lobo, stellvertretender HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU). Da der WĂ€rmemarkt maßgeblich von lokalen Gegebenheiten geprĂ€gt ist, lehnt Lobo nationale Standardlösungen ab: „Mit Einzeltechnologien werden wir die Herausforderung nicht bewĂ€ltigen. Selbst bei stark steigenden Absatzzahlen von WĂ€rmepumpen wird die vollstĂ€ndige Umstellung des GebĂ€udebestands mehrere Jahrzehnte dauern.“ Er rĂŒckt deshalb WĂ€rmenetze ins Zentrum. Fern- und NahwĂ€rme können erneuerbare WĂ€rmequellen, AbwĂ€rme und GroßwĂ€rmepumpen effizient bĂŒndeln und zugleich Versorgungsrisiken reduzieren. „Die kommunale WĂ€rmeplanung ist ein wichtiges Steuerungsinstrument. Sie soll Investitionen lenken, Fehlentwicklungen vermeiden und bei langfristigen Infrastrukturentscheidungen Orientierung geben.“

Dr. Kai Roger Lobo, VKU, sieht die kommunale WĂ€rmeplanung als wichtiges Steuerungsinstrument: „Sie soll Investitionen lenken, Fehlentwicklungen vermeiden und Orientierung fĂŒr langfristige Infrastrukturentscheidungen schaffen.“ | Foto: rbv
Dr. Kai Roger Lobo, VKU, sieht die kommunale WĂ€rmeplanung als wichtiges Steuerungsinstrument: „Sie soll Investitionen lenken, Fehlentwicklungen vermeiden und Orientierung fĂŒr langfristige Infrastrukturentscheidungen schaffen.“ | Foto: rbv

Technologieoffenheit ist eine wesentliche Voraussetzung

Der Klimaschutzexperte und ehemalige Bundestagsabgeordnete Klaus Mindrup (SPD) geht davon aus, dass sich mit einem steigenden Anteil volatiler erneuerbarer Energien die Anforderungen grundlegend verĂ€ndern werden. „WĂ€rmenetze, Speicher und flexible Lasten sind nicht nur fĂŒr die Dekarbonisierung notwendig, sondern stabilisieren auch ein zunehmend komplexes Stromsystem.“ Mindrup warnte ausdrĂŒcklich vor einer „All-Electric-World“ und mangelhafter Sektorenkopplung. „Technologieoffenheit ist eine wesentliche Voraussetzung fĂŒr eine sichere Versorgung.“

Die WĂ€rmewende sieht der Politprofi als „Investitionsaufgabe historischen Ausmaßes. Staatliche Mittel allein reichen dafĂŒr nicht aus.“ Sowohl Mindrup als auch Lobo betonten, dass ohne ein stabiles regulatorisches Umfeld, privates Kapital und eine StĂ€rkung kommunaler Akteure ein Investitionsstau drohe, der negative Folgen fĂŒr die Klimaziele und die Versorgungssicherheit hĂ€tte.

Der Klimaschutz-Experte und SPD-Politiker Klaus Mindrup warnt vor mangelnder Sektorkopplung. Er sieht in Technologieoffenheit eine wesentliche Voraussetzung fĂŒr eine sichere Versorgung. | Foto: rbv
Der Klimaschutz-Experte und SPD-Politiker Klaus Mindrup warnt vor mangelnder Sektorkopplung. Er sieht in Technologieoffenheit eine wesentliche Voraussetzung fĂŒr eine sichere Versorgung. | Foto: rbv

Sicherheitsanforderungen rĂŒcken stĂ€rker in den Fokus

Auch abseits der großen energie- und baupolitischen Themen verdeutlichte die Tagung, wie stark sich die Rahmenbedingungen fĂŒr die Branche verĂ€ndern. Leitungsgebundene kritische Infrastrukturen mĂŒssen immer strengere Sicherheitsanforderungen erfĂŒllen, ihr Schutz rĂŒckt stĂ€rker in den öffentlichen Fokus. Geopolitische Spannungen, hybride militĂ€rische Bedrohungen sowie Extremwetterereignisse infolge des Klimawandels stellen das Netzmanagement vor neue Herausforderungen.

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Nach wie vor wirken sich der FachkrĂ€ftemangel, arbeits- und tarifrechtliche Vorgaben sowie steigende FĂŒhrungsanforderungen spĂŒrbar auf Menschen und Projekte im Leitungsbau aus. Hinzu kommen wachsende rechtliche und regulatorische Anforderungen, beispielsweise im Bereich Environmental, Social und Corporate Governance (ESG). Diese verĂ€ndern ProjektablĂ€ufe, erhöhen die Dokumentations- und Nachweispflichten und greifen tief in die Planung und Unternehmenssteuerung ein. Digitalisierung und kĂŒnstliche Intelligenz, weitere Punkte auf der Tagungsagenda, helfen dabei, AblĂ€ufe zu vereinfachen und die LeistungsfĂ€higkeit nachhaltig zu steigern.

Viel Diskussionsstoff: Im Anschluss an die VortrÀge ging das Publikum mit den Referentinnen und Referenten in den Austausch. | Foto: rbv
Viel Diskussionsstoff: Im Anschluss an die VortrÀge ging das Publikum mit den Referentinnen und Referenten in den Austausch. | Foto: rbv

Partnerschaftliche Zusammenarbeit ist der SchlĂŒssel

„Das ‚Abenteuer Leitungsbau‘ steht fĂŒr Aufbruch, Mut und den festen Willen, die Zukunft der unterirdischen Infrastruktur aktiv zu gestalten. Nur wenn alle Beteiligten partnerschaftlich zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstĂŒtzen, können wir erfolgreich sein“, betonte Donath zum Abschluss der 32. Tagung Leitungsbau. „Die Bundesregierung muss in der Energiepolitik endlich in die GĂ€nge kommen. Wir brauchen verlĂ€ssliche Rahmenbedingungen, integrierte Planungen, realistische Umsetzungsziele und tragfĂ€hige Finanzierungsmodelle. Wenn die Politik liefert, können auch wir als Branche liefern. Der Leitungsbau steht bereit, um alle Versorgungsnetze zukunftssicher aufzustellen.“

Quelle: rbv

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