Im Spannungsfeld von Geologie, Präzision und Naturschutz
Mitten im sensiblen Naturraum der Milseburg in der Gemeinde Hofbieber (Osthessen) wurde zwischen Mai 2025 und März 2026 ein Infrastrukturprojekt realisiert, das sowohl technisch als auch logistisch äußerst anspruchsvoll war. Ziel war die vollständige medientechnische Erschließung der neu errichteten Milseburghütte – einer Gastronomie- und Wanderhütte in exponierter Höhenlage.


Vom Kalibrierschlauch zum Werkzeug in der grabenlosen Sanierung
Der AIRBAGLINER® von Bodenbender hat sich vom klassischen Kalibrierschlauch zu einem festen Bestandteil moderner Sanierungssysteme entwickelt.
Die Herausforderung bestand darin, die Hütte zuverlässig mit Wasser, Abwasser, Strom und Glasfaser zu versorgen sowie zusätzlich zwei Reserverohre zu verlegen. Gleichzeitig musste eine Druckerhöhungsanlage errichtet werden, um den erheblichen Höhenunterschied entlang der Trasse zu überwinden. Die Umsetzung erfolgte unter strengsten naturschutzrechtlichen Auflagen innerhalb der Kernzone des Naturschutzgebiets Milseburg.
Eine offene Bauweise war aufgrund der massiven Eingriffe in die sensible Landschaft ausgeschlossen. Die Wahl fiel daher konsequent auf das grabenlose HDD-Verfahren. Die Ausführung erfolgte durch die NR Bohrtechnik GmbH in Zusammenarbeit mit der NR Tiefbau GmbH im Auftrag der Gemeinde Hofbieber.
Projektkennzahlen im Überblick:
Bohrverfahren: HDD (Horizontal Directional Drilling)
Bohrlänge: 411 m
Höhenunterschied: ca. 130 m
Enddurchmesser: 355 mm
Verlegte Medien: 7 Medienrohre (Wasser, Abwasser, Strom, Glasfaser)
Geologie: Tuffgestein, Phonolith, Basalteinschlüsse
Bohrtechnik: MudMotor, PDC-Pilotbohrkopf, 3-Rollenmeißel
Messtechnik: Wirelineverfahren mit Kreiselkompass
Besonderheit: Arbeiten in der Kernzone eines Naturschutzgebiets
Topografische Randbedingungen und Anforderungen an die Trassierung

Die Bohrung über eine Länge von 411 m bei gleichzeitigem Höhenunterschied von rund 130 m stellte außergewöhnliche Anforderungen an die Planung und Ausführung. Insbesondere die dreidimensionale Trassierung erforderte höchste Präzision, da sowohl horizontale als auch vertikale Abweichungen strikt begrenzt werden mussten.
Die geometrische Auslegung der Bohrkurve musste so erfolgen, dass einerseits die technischen Grenzen der eingesetzten Bohrtechnik eingehalten werden und andererseits die Zielgenauigkeit sichergestellt wird. Gleichzeitig war zu berücksichtigen, dass sich die geologischen Bedingungen entlang der Trasse signifikant verändern.
Diese Kombination aus Länge, Höhenprofil und wechselnden Baugrundverhältnissen machte eine kontinuierliche Anpassung der Bohrstrategie erforderlich.
Geologische Herausforderungen: Vom Tuff in den Phonolith
Die Baugrundverhältnisse entlang der Trasse erwiesen sich als deutlich komplexer als zunächst angenommen. „Besonders die wechselnden geologischen Zonen in Kombination mit dem großen Höhenunterschied haben ein hohes Maß an Erfahrung und Fingerspitzengefühl erfordert“, berichtet Nils Rüger, Technischer Geschäftsführer NR-Bohrtechnik.

Die Bohrung begann in einem Tuffgestein, das zunächst einen vergleichsweise stabilen und kontrollierbaren Bohrfortschritt ermöglichte. Mit zunehmender Tiefe wechselten die geologischen Verhältnisse jedoch abrupt in massiven Phonolith. Dieses vulkanische Gestein zeichnet sich durch extrem hohe Druckfestigkeiten, eine ausgeprägte Abrasivität sowie eine häufig stark geklüftete Struktur aus.
Besonders anspruchsvoll war die Übergangszone zwischen Tuff und Phonolith. Hier traten zusätzlich Basalteinschlüsse auf, die lokal zu stark variierenden Festigkeiten führten. Diese heterogenen Bedingungen erschwerten die Wahl geeigneter Bohrparameter erheblich und führten zu erhöhtem Werkzeugverschleiß.
Der Einsatz eines PDC-Pilotbohrkopfes war im Tuffbereich effizient, musste jedoch im Phonolith durch einen speziell ausgelegten 3-Rollenmeißel ersetzt werden. Die Kombination mit einem Mud-Motor ermöglichte den notwendigen Drehmomentaufbau für den Vortrieb im hochfesten Gestein.
Bohrprozess und Steuerung: Präzision unter wechselnden Bedingungen

Die Steuerung der Bohrung erfolgte mittels Wirelinebohrverfahren in Kombination mit einem Kreiselkompass. Dieses Messsystem ermöglicht auch unter schwierigen geologischen Bedingungen und großen Tiefen eine zuverlässige Bestimmung der Bohrlochlage.
Um die geforderte Zielgenauigkeit sicherzustellen, wurden zusätzlich weitere Messverfahren parallel eingesetzt. Diese redundante Auslegung der Messtechnik war insbesondere aufgrund der komplexen Trassengeometrie und der hohen Anforderungen an die Endlage erforderlich. Die kontinuierliche Kontrolle und Anpassung der Bohrparameter – insbesondere Vorschub, Drehmoment und Spülungsleistung – war entscheidend für den Erfolg der Pilotbohrung.
Bohrspülung als kritischer Erfolgsfaktor
Ein zentrales Element des Projekts war das Management der Bohrspülung. Die Kombination aus großem Höhenunterschied und stark variierenden Gesteinseigenschaften stellte hohe Anforderungen an die Zusammensetzung und Steuerung der Spülung.

Im Tuffgestein lag der Fokus auf einer stabilisierenden Wirkung, während im Phonolith insbesondere die Kühlung und Schmierung der Werkzeuge sowie der effektive Abtransport des Bohrkleins im Vordergrund standen. Die geklüftete Struktur des Phonoliths erhöhte zudem das Risiko von Spülungsverlusten. Gleichzeitig durfte es im sensiblen Bereich des Naturschutzgebiets zu keinen unkontrollierten Austritten kommen. Die permanente Überwachung und Anpassung der rheologischen Eigenschaften der Bohrspülung war daher ein wesentlicher Bestandteil des Bauprozesses.
Aufweitvorgang und besondere Zwischenfälle
Nach erfolgreicher Pilotbohrung erfolgte der Aufweitprozess auf den Enddurchmesser von 355 mm. Hierbei traten erneut erhebliche Herausforderungen auf: Im Bereich einer Kluftzone – im Übergang zwischen Basalt und Phonolith – kam es beim Einsatz eines 14"-Aufweitkopfes zum Verlust einer Rolle. Dieses Ereignis stellte ein erhebliches Risiko für den weiteren Bauablauf dar.
Zur Lösung wurde ein speziell angepasstes Bergungssystem entwickelt. Die Bergung erforderte mehrere Arbeitsschritte und eine präzise Abstimmung aller Beteiligten. Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen konnte die verlorene Komponente erfolgreich geborgen und der Aufweitprozess fortgesetzt werden.

Logistische Herausforderungen und Baustellenorganisation
Die logistischen Rahmenbedingungen stellten eine zusätzliche Herausforderung dar. Insbesondere die Zielseite war nur über eingeschränkte Wege erreichbar und bot nur sehr begrenzte Arbeitsflächen. Der Transport von Maschinen, Materialien und Personal musste daher detailliert geplant und exakt koordiniert werden. Gleichzeitig war eine kontinuierliche Versorgung der Baustelle sicherzustellen. Die enge Verzahnung von Bohrbetrieb, Materiallogistik und Baustellenorganisation war ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die termingerechte Umsetzung.
Arbeiten unter Naturschutzauflagen
Die Lage innerhalb der Kernzone des Naturschutzgebiets Milseburg erforderte ein besonders umsichtiges Vorgehen. Sämtliche Arbeiten mussten unter strengen Umweltauflagen durchgeführt werden. Die grabenlose Bauweise ermöglichte es, Eingriffe in die Natur auf ein Minimum zu reduzieren. Dennoch waren umfangreiche Maßnahmen erforderlich, um Beeinträchtigungen der Umwelt auszuschließen. Hierzu gehörten u.a. die kontrollierte Handhabung der Bohrspülung, die Minimierung von Flächeninanspruchnahmen sowie die genaue Abstimmung aller Arbeitsschritte mit den zuständigen Behörden.

Bedeutung des Projekts für Infrastruktur und Tourismus
Mit der erfolgreichen Umsetzung der Bohrung wurde die Grundlage für den nachhaltigen Betrieb der Milseburghütte geschaffen. Die Anbindung an Wasser, Abwasser, Strom und Glasfaser stellt einen entscheidenden Mehrwert für Betreiber und Besucher dar. Darüber hinaus stärkt das Projekt die touristische Infrastruktur der Region und trägt zur langfristigen Attraktivität des Standorts bei.
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Gleichzeitig zeigt es, dass auch in sensiblen Naturbereichen moderne Infrastrukturmaßnahmen realisiert werden können – vorausgesetzt, es kommen geeignete Technologien und erfahrene Projektpartner zum Einsatz. „Die Kombination aus Lage, Geologie und logistischen Rahmenbedingungen ist in dieser Form selten“, fasst Rüger die Besonderheit des Projektes zusammen. „Wir haben hier mitten im Naturschutzgebiet gearbeitet, mit sehr schwieriger Zufahrt und gleichzeitig extrem anspruchsvollen Untergrundverhältnissen. Das macht das Projekt einzigartig.“
Quelle: NR Unternehmensgruppe
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