GaLaBau im Südwesten: 2,15 Milliarden Euro gegen die Krise
Neun Millionen Quadratmeter begrünte Dachflächen und ein klares Bekenntnis zur Biodiversität: Die GaLaBau-Branche in Baden-Württemberg transformiert sich rasant vom reinen Dienstleister zum entscheidenden Akteur im Klimaschutz. Doch wie viel Wachstum verträgt der Markt noch, wenn der Wohnungsbau stockt und die Lkw-Maut die Betriebe belastet? Martin Joos, Vorstandsvorsitzender des Verbandes Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau Baden-Württemberg (VGL-BW) zieht Bilanz über ein turbulentes Jahr 2025.

Was hat dazu geführt, dass beim VGL-BW seit Januar eine Doppelspitze agiert? Wo sehen Sie die Vorteile?
Wie würden Sie die aktuelle wirtschaftliche Lage des GaLaBau in Baden-Württemberg beschreiben — und worin unterscheiden sich die Entwicklungen hier von denen auf Bundesebene?
Joos: Trotz teilweise schwieriger Rahmenbedingungen konnte der Gesamtumsatz im baden-württembergischen Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau im vergangenen Jahr erneut gesteigert werden. Dank der weiterhin stabilen Auftragslage wurden im Jahr 2025 2,15 Milliarden Euro in unsere „grünen“ Dienstleistungen investiert, das entspricht einem Plus von rund 4,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Besonders bemerkenswert ist dieses Ergebnis vor dem Hintergrund der nicht immer günstigen Witterungsverhältnisse. Dieses Ergebnis wurde von rund 15.150 Beschäftigten erwirtschaftet. Auch die Zahl der Auszubildenden bewegt sich weiterhin auf einem hohen Niveau und liegt aktuell bei insgesamt 1.280 jungen Menschen. Die Entwicklungen auf Bundesebene gehen ebenfalls in eine positive Richtung. Der Umsatz im GaLaBau stieg deutschlandweit um 4,3 Prozent auf 11,11 Milliarden Euro, die Zahl der im GaLaBau Beschäftigten stieg auf 131.746 Menschen und 8.089 junge Menschen befinden sich aktuell in der Ausbildung.
Welche regionalen Stärken des GaLaBau in Baden-Württemberg sehen Sie im Vergleich zu anderen Bundesländern?
Joos: Trotz der aktuellen Herausforderungen gehört Baden-Württemberg zu den wirtschaftsstärksten Bundesländern in Deutschland. Dies spiegelt sich in einem hohen Investitionsniveau in private Gärten, gewerbliche Außenanlagen und öffentliche Grünflächen wider. Die Betriebe können dadurch vergleichsweise kontinuierlich Aufträge bearbeiten, während in anderen Regionen stärkere Schwankungen auftreten. In anderen Bundesländern kommt es zusätzlich häufiger zum Fachkräftemangel durch Abwanderung in wirtschaftlich stärkere Regionen wie Baden-Württemberg. Die Verbindung von Tradition und moderner Technik ist bei uns besonders stark ausgeprägt, was sich in der Innovationskraft widerspiegelt. Betriebe in Baden-Württemberg setzen stark auf ökologische Gestaltung, Biodiversität, Regenwassermanagement und klimaresiliente Anlagen und reagieren damit aktiv auf Nachhaltigkeitstrends.
Die Verbindung von Tradition und moderner Technik ist bei uns besonders stark ausgeprägt, was sich in der Innovationskraft widerspiegelt.
Zusätzlich profitieren die Betriebe von einer Mischung aus städtischen Ballungsräumen, Mittelstädten und ländlichen Regionen. Dies ermöglicht abwechslungsreiche Projekte. Dazu gehören hochwertige Privatgärten, urbane Freiräume sowie großflächige Projekte im Bereich Landschafts- und Sportplatzbau. Nicht zu unterschätzen ist auch der Rückhalt aus der Politik, was sich beispielsweise in der kontinuierlichen Planung und Umsetzung von Gartenschauen zeigt. In keinem anderen Bundesland werden Gartenschauen über so lange Zeiträume hinweg ausgeschrieben.
Vor welchen größten Herausforderungen steht die Branche derzeit in Baden-Württemberg?
Welche Rolle spielt der private Gartenmarkt für die Betriebe in Baden-Württemberg und wie stark ist er im Vergleich zur öffentlichen Hand?
Joos: Jahrzehntelang war der Privatkundenmarkt der wichtigste Wachstumsmotor unserer Branche. Wir sind überzeugt, dass der eigene Garten auch weiterhin eine herausragende Bedeutung behält. Gerade in unsicheren Zeiten gewinnt der Garten an Wert, da er Schutz und Geborgenheit bietet. Der demografische Wandel eröffnet zusätzlich neue Kundenpotenziale: Immer mehr Menschen legen Wert auf selbstbestimmtes Wohnen in den eigenen vier Wänden und genießen dabei ihren Garten als individuellen Rückzugsort. 2025 lag der Umsatzanteil im Privatmarkt bei 63 Prozent, während der Anteil an der öffentlichen Hand bei 18 Prozent lag.
Wie positioniert sich der Verband zu wachsenden Anforderungen an Biodiversität und städtisches Grün?
Joos: Biodiversität und städtisches Grün sind kein Luxus, sondern unverzichtbare Faktoren für Lebensqualität, Gesundheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Deshalb sehen wir in der Förderung von Biodiversität und der Aufwertung städtischer Grünflächen zentrale Aufgaben für die kommenden Jahre. Angesichts des Klimawandels, zunehmender Versiegelung und des Verlusts natürlicher Lebensräume gewinnt die Gestaltung ökologisch wertvoller Grünräume immer mehr an Bedeutung.
Biodiversität und städtisches Grün sind kein Luxus, sondern unverzichtbare Faktoren für Lebensqualität, Gesundheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Unsere Branche ist gut aufgestellt, diese Anforderungen umzusetzen: Wir gestalten naturnahe Gärten, öffentliche Parks, Grünflächen und urbane Aufenthaltsräume, die Lebensraum für Pflanzen und Tiere bieten, die Luftqualität verbessern und das Stadtklima positiv beeinflussen. Dabei setzen wir auf fachliche Expertise, innovative Pflanzkonzepte und nachhaltige Materialien.
Sehen Sie eine steigende Nachfrage nach bestimmten GaLaBau-Leistungen (z. B. Dach- und Fassadenbegrünung) in Baden-Württemberg?
Joos: Sowohl Dachbegrünungen als auch Fassadenbegrünungen verzeichnen in Deutschland und auch in Baden-Württemberg eine steigende Nachfrage, getragen von Klimaschutz‑ und Stadtentwicklungszielen sowie kommunalen Förderprogrammen. Die Begrünung von Dächern, vor allem in urbanen Räumen, nimmt weiterhin zu. Zwischen 2022 und 2023 wuchs die neu begrünte Dachfläche deutlich, und auch 2024 wurden wieder viele Quadratmeter neu begrünt. Insgesamt sind in Deutschland im Jahr 2024 etwa neun Millionen Quadratmeter Dachfläche neu begrünt worden. Auch bei Fassadenbegrünungen ist ein hohes Interesse erkennbar, insbesondere auf Basis kommunaler Förderprogramme oder im Rahmen urbaner Klimaanpassungsmaßnahmen. So sind 2024 etwa 137.100 Quadratmeter Fassadenfläche errichtet worden. Zwar liegen die absoluten Flächenzahlen damit noch unter denen der Dachbegrünung, doch immer mehr Städte fördern Fassadenbegrünung aktiv und immer mehr Bewohner, Planer und Bauherren berücksichtigen sie bei Projekten.
Welche Entwicklungen in anderen Bundesländern beobachten Sie besonders aufmerksam – und was kann Baden-Württemberg davon lernen?
Joos: In Nordrhein-Westfalen wird aktuell stark auf moderne Aus- und Weiterbildungsansätze gesetzt, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und gleichzeitig neue Kompetenzen für Klimaanpassung, Digitalisierung und nachhaltige Planung zu vermitteln. Der VGL NRW organisiert dazu Bildungsforen und Diskussionen mit Politik und Betrieben, um die berufliche Qualifikation und Zukunftsfähigkeit der Branche zu stärken. Solche Foren in Baden-Württemberg würden die bereits ausgeprägte Fachkräftesicherung stärken.
Gibt es Bundesländer, die bei bestimmten Themen wie Fachkräftesicherung, Digitalisierung oder Klimaanpassung als Vorbild gelten – und wo sehen Sie Baden-Württemberg selbst in einer Vorreiterrolle?
Wir in Baden-Württemberg kombinieren Ausbildung, Forschung, Technologie, Nachhaltigkeit und Förderpolitik im GaLaBau
Was möchten Sie der neuen Landesregierung mit auf den Weg geben?
Joos: Unsere zentralen Anliegen an die Politik sind höhere Investitionen in blau-grüne Infrastruktur, der Abbau bürokratischer Hürden sowie der Ausbau bestehender Bildungseinrichtungen. Darüber hinaus helfen neue Förderprogramme den Kommunen dabei, klimaresistente Grünflächen erfolgreich umzusetzen. Für unsere Betriebe eröffnen sich dadurch zusätzliche Auftragschancen, transparente Förderbedingungen und langfristige Perspektiven für nachhaltiges Wachstum.
Grün-blaue Infrastruktur und das Schwammstadt-Prinzip sind untrennbar miteinander verbunden und müssen gemeinsam geplant, umgesetzt und gepflegt werden. Die Unternehmen, die die erforderlichen Maßnahmen umsetzen können, sind bereits vor Ort. Was jedoch noch fehlt, ist ein konkretes Musterprojekt, an dem sich alle Maßnahmen anschaulich und praxisnah demonstrieren lassen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer Muster-Schwammstadt in Baden-Württemberg.
Am 23.02.2026 entschied das Verwaltungsgericht Berlin in einem vom Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau e. V. unterstützten Musterverfahren zur Mautfrage, dass ein GaLaBau-Betrieb im Werkverkehr, ähnlich wie ein Handwerksbetrieb, von der Lkw-Maut befreit ist.
Die Lkw-Maut auf Fahrzeuge ab 3,5 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht bedeutet für unsere Betriebe weiterhin einen bürokratischen Mehraufwand. Am 23.02.2026 entschied das Verwaltungsgericht Berlin in einem vom Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau e. V. unterstützten Musterverfahren zur Mautfrage, dass ein GaLaBau-Betrieb im Werkverkehr, ähnlich wie ein Handwerksbetrieb, von der Lkw-Maut befreit ist. Der Beschluss ist derzeit noch nicht rechtskräftig, lässt jedoch auf eine positive Entwicklung hoffen.
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Eine zukunftsfähige und qualitativ hochwertige Aus-, Fort- und Weiterbildung ist essenziell, um den Fachkräftebedarf der Branche zu decken, Innovationskraft zu stärken und den Beitrag grüner Professionen zur klimaresilienten Stadt- und Freiraumgestaltung auszubauen. Die DEULA Baden-Württemberg gGmbH in Kirchheim unter Teck und die Staatsschule für Gartenbau Stuttgart-Hohenheim (SfG) spielen dabei Schlüsselrollen. Der Neubau der SfG muss zügig und konsequent umgesetzt werden, um eine dauerhaft hohe Bildungsqualität sicherzustellen und die Attraktivität Baden-Württembergs als führende Bildungs- und Innovationsregion im Grünen Sektor nachhaltig zu stärken.
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